Günter Lang im Interview

Das man trotz Widerständen und körperlicher Einschränken seinen Traum vom Reiten bis zur hohen Schule verwirklichen kann, dafür ist Günter Lang das beste Beispiel. Schon als Kind war es sein sehnlichster Wunsch, reiten lernen zu dürfen. Später wuchs dieser Wunsch und er nahm sich vor, bis zur hohen Schule zu gelangen. Seine Reitlehrer räumten ihm aber keine Chance ein, jemals dieses Ziel zu erreichen, da er nach jahrelangem Krankenlager im Beckengips links eine 100% versteifte Hüfte hatte.

Erschwerend kam noch hinzu, dass Günter Lang auf viele Dinge mit Allergien reagierte. Dazu zählen u.a. auch Stroh, Heu und Pferdehaare mit den entsprechenden Folgen: Asthma, Hautekzemen und Heuschnupfen. Die meisten hätten spätestens hier das Handtuch geworfen, aber nicht so Gerhard Lang. Die Allergien zwangen ihn zwar dazu, Kompromisse eizugehen und nur im Freien zu reiten, aber davon ließ er sich nicht abhalten.

Pferdeliebe
Die Liebe zu den Pferden (Foto: Günter Lang)

Auch wegen des versteiften Hüftgelenkes fand er eine Lösung: Er entwickelte und baute sich einfach einen Spezialsattel, mit dem er das Beste aus seiner Behinderung auf dem Pferd machte. So schaffte es Günter Lang schließlich zum Amateurreitlehrer. Dennoch sagte ihm der Meister einer berühmten Reitschule, dass er wegen seiner Sitzfehlhaltung keine Chance hätte, reiterlich weiterzukommen. Aber auch davon ließ sich Günter Lang nicht beeindrucken.

So übte er völlig allein mit diversen Pferden weiter, oft auf stillen Waldwiesen. Viel hat er dadurch von den Pferden gelernt, ebenso aus zahlreichen Lehrbüchern. So bemühte sich Günter Lang, die gelernten Einwirkungen durch Zügel, Schenkel und Gewicht immer weiter zu verfeinern, denn seine Maxime bei allem lautet stets: fühlt sich mein Pferd wohl dabei? Im Laufe der Jahre entstand daraus auch seine Dynamische Gewichtshilfen Reitweise.

Es ist schon beeindruckend, was Günter Lang trotz seiner ganzen Handicaps alles erreicht hat. Und weil ich wissen wollte, wie dies alles möglich war, habe ich ihm einige für mich wichtige Fragen gestellt:

Herr Lang, Pferde sind einfach wunderbare Geschöpfe und sie faszinieren uns immer wieder aufs Neue. Daher fühlen sich viele von diesen edlen Tieren angezogen. Wie sind Sie zu den Pferden gekommen und was fasziniert Sie an Ihnen?

Das ist eine lange Geschichte. Ausschlaggebend war immer mein Wunsch zu reiten. Als Kleinkind habe ich versucht, mangels anderer Möglichkeiten zuhause auf einem Schwein zu reiten. Später waren es Kühe auf fremden Weiden. Aber dann habe ich einen Jungen gesehen, der in einer Koppel auf einem Pferd wild ohne Sattel geritten ist. Ich fragte ihn, ob ich das auch dürfte und er sagte mir: „klar, ich darf mich nur nicht erwischen lassen“. Das tat ich dann auch. Das waren meine ersten Balanceübungen auf einem Pferderücken, die ich bald beherrschte. Aus Dankbarkeit dafür, dass das Pferd mich auf seinem Rücken reiten ließ, brachte ich ihm viel Liebe in Form von Streicheleinheiten und Leckerbissen entgegen.

In den nächsten Jahren war mir jedes Pferd recht, das ich finden konnte und das reitbar war. Aber dann fing ich an, in einer Reitschule Sonntags ganz früh Pferde zu versorgen und verdiente mir damit jeweils eine Reitstunde mit Unterricht. Wegen meinem allergischen Asthma wurde es aber immer schwieriger, im Stall zu arbeiten. Nach einigen Umwegen habe ich mir dann meinen ersten Reitkurs, gleich für Fortgeschrittene, in Marbach verdient.

Reiten
Reiten bedeutet lebenslanges Lernen (Foto: Gerhard Lang)

Haltung, Gesundheit, Ernährung sind wesentliche Punkte für das Wohlergehen eines jeden Pferdes und haben auch Einfluss auf den Umgang mit ihm. Wie leben Ihre Pferde und was bedeutet für Sie artgerechte Pferdehaltung?

Meine Pferde und Esel leben das ganze Jahr im Offenstall und sind gesünder als im Mietstall, in dem sie vorher waren. Für mich ist es wegen meinem allergischen Asthma auf die Dauer die einzige Möglichkeit, Pferde zu halten. Auch das Reiten in der Halle war für mich Gift, deshalb habe ich immer im Gelände mit Pferden gearbeitet und mich an ihrem Temperament und ihrer Lernfähigkeit in der schönen Natur erfreut. Draußen habe ich möglichst glatte Lederbekleidung getragen, damit sie wenig Staub annimmt und mich in der Wohnung immer umgezogen. Inzwischen bin ich mit einer Frau verheiratet, die die Pferdeversorgung ganz übernommen hat. Sie hat sich ein großes Wissen in der Pferdebehandlung und -Pflege erworben, dass sie bei uns erfolgreich einsetzt.

Als Tier, welches immer noch sehr stark von der Natur und den eigenen Instinkten geprägt ist, stellt das Pferd besondere Anforderungen an einen artgerechten Umgang. Für uns als Partner ist es daher wichtig, sich auf die Bedürfnisse der Pferde einzustellen. Was ist aus Ihrer Sicht wichtig im Umgang mit Pferden?

Für die Pferde ist es sehr wichtig, in artgerechter Gesellschaft zu leben. Ist ein Pferd in Einzelhaft, womöglich nur in einer Box, wo es keine anderen Pferde sieht, freut es sich, wenn sein Besitzer kommt und wiehert in Erwartung, aus seiner Langeweile befreit zu werden. Der Besitzer bildet sich dann ein, es mag ihn sehr, dabei sehnt es sich nur nach mehr Abwechslung. Das Verhalten ändert sich sofort, wenn das Pferd einen Gesellschafter hat. Dann wiehert es kaum noch, wenn sein Besitzer kommt. Aber, ich nehme an, dass das ja allen Pferdemenschen bekannt ist.

Am wohlsten fühlt sich ein Pferd auf einer Weide mit viel Auslauf, wo es sich mit seinem Partner oder seiner Herde in die Rangordnung einreiht. Am gesündesten ist eine Offenstallhaltung mit Ganzjahresaufenthalt. In dieser Haltung können unsere Pferde das höchste Alter erreichen. Hierzu gäbe es noch sehr viel zu schreiben, aber dafür gibt es schon eine Menge Bücher, die sich mit dem Thema befassen.

Pferde
Pferde brauchen Artgenossen (Foto: Günter Lang)

Trotz zahlreicher Handicaps ist es Ihnen gelungen, Ihren Traum vom Reiten bis zur hohen Schule zu verwirklichen. Wie haben sie es geschafft, Ihren Traum nie aus den Augen zu verlieren?

Gott hat mir eine riesig große Sehnsucht nach Pferden oder zumindest nach etwas Reitbarem mitgegeben, das mich ein Leben lang nach Gelegenheiten zum Reiten ausschauen ließ. Mangels Gelegenheiten und wegen meiner Allergien schied bei der Berufswahl ein Pferdeberuf oder Tierpflegeberuf aus. Außerdem hatte ich auch noch andere Begabungen in Technik und Musik, die ich auswählen konnte. Es ergab sich die Gelegenheit, zum Elektronikingenieur zu studieren. In dem Beruf konnte ich in der Entwicklung viele Patente erfinden.

Nebenbei habe ich dann auch noch 4 Jahre Klavierunterricht bekommen und mich dann immer nebenbei autodidaktisch weiterentwickelt zum Amateurpianisten, der kleine Konzerte in klassischer Musik und Klavierunterricht gibt. Um zu reiten, habe ich immer bei fremden Leuten angefragt, ob ich ihre Pferd reiten durfte. So habe ich viel von Pferden gelernt und konnte immer besser reiten. Dann sammelte ich anfangs Beurteilungen und Zeugnisse darüber, wie ich mit Ihren Pferden geritten bin. Davon habe ich noch eine ganze Menge.

Mit 21 Jahren bekam ich starke Schmerzen in der linken Hüfte. In den Folgejahren wurde ich dann nacheinander auf 7 verschieden Diagnosen hin ohne Erfolg behandelt, bis ich dann mit 23 Jahren für knapp drei Jahre einen Beckengips bekam. Ich war noch nicht entlassen, als ich schon wieder mit Krücken und im Gips auf ein Norwegerpferd stieg. Entlassen wurde ich dann mit einer 100% versteiften linken Hüfte, mit der ich dann 45 Jahre lebte, bis sich ein Arzt traute, mir 2007 in diese Versteifung ein künstliches Gelenk einzusetzen.

Leider bekam ich einen Infekt, in dessen Folge ich 11x nachoperiert werden musste und 4x ein neues Gelenk eingesetzt bekam, bis es endlich zuheilte und der Fuß inzwischen 3cm kürzer geworden war. In den vielen Jahren mit der Versteifung habe ich mir selbst einen Sattel entwickelt und gebaut, der meine Schiefhaltung auf dem Pferd ausglich und mir trotzdem das richtige Einwirken auf das Pferd ermöglichte. Die liebenswerten Pferde kamen mir mit meiner Behinderung entgegen, verstanden mich und unterstützten mich damit.

Nur Reitlehrer sagten mir nach ihrem Verständnis, dass ich nie richtig reiten werden könne. Aber die Pferde widerlegten diese Auffassung. So konnte ich in Wülfrath den Amateurreitlehrer und im Schwarzwald den Wanderreitführer zeugnishaft erreichen. Nachdem ich dann 2009 wieder eine bewegliche linke Hüfte hatte konnte ich wieder symmetrisch auf einem Pferd sitzen. Das war wieder ein besonderes Erlebnis. Aber noch vor der Zeit habe ich mit der versteiften Hüfte viele Pferde ausgebildet oder korrigiert.

1987 konnte ich hier in Feldstetten ein großes Stück Weide pachten und habe nun auch Pferde zur Ausbildung und zur Korrektur zu mir genommen. Dabei entstand ohne meine Absicht eine neue Reitweise, die ich dann später die Dynamische Gewichtshilfenreitweise nannte. Diese Reitweise kommt ganz ohne Gewalteinwirkung mit ganz geringen Hilfen aus. Natürlich bilde ich mir nicht ein, etwas Neues entdeckt zu haben. Das wäre zu vermessen im Angesicht der Jahrtausende alten Entwicklung der Reiterei. Ich habe diese Reitweise nur wieder neu entdeckt und möchte sie als bessere Alternative zu der üblichen FN-Reitweise anbieten.

Dazu habe ich auch versucht, eine Einführung der Reitweise auf CD aufzunehmen, die leider nur auf unausgebildeten Pferden möglich war. Ich habe das Problem, als Einzelkämpfer ohne Zuschauer keine Bilder von mir vorweisen zu können. Freundlicherweise hat sich der Wanderreitunternehmer Wolfgang Schräder bereit erklärt, mit seinen Pferden die CD aufzunehmen. Zu erhalten ist sie direkt bei Pferd-Mensch-Film. Wolfgang Schräder hat mir auch meine Homepage eingerichtet.

Bekannte Horsemen und Pferdemenschen dienen so manchem als Vorbild für die Ausbildung und den Umgang mit seinem Pferd. Haben auch Sie Vorbilder und was fasziniert Sie an ihnen?

Ich habe mir viele Vorbilder mit positiven und negativen Eigenschaften angeschaut: FN-Bereiter und Western-Bereiter, z.B. Egon von Neindorff, Jean-Claude Dysli und viele andere mehr. Von Ihnen habe ich gelernt, wie man mit dem Kreuz auf das Pferd einwirken oder auch nicht einwirken kann. Viel habe ich auch aus Büchern gelernt. Die besten Lehrmeister waren aber immer die Pferde selbst und das Gefühl für sie, das ich im Sattel entwickelt habe.

Pferd als Lehrmeister
Pferde sind die besten Lehrmeister (Foto: Wolfgang Schräder)

Herr Lang, Sie können auf einen langen Weg mit Pferden zurückblicken und haben mit der dynamischen Gewichtshilfenreitweise eine schonende Methode zur Pferdeausbildung entwickelt. Welche Pläne verfolgen Sie noch in der Zukunft?

Die Pferde und Esel sind auf ihrer Weide für mich immer eine Erholung, auch weil wir an unserem Haus keinen Garten haben. Es ist so schön zu sehen, wie sich mit der Zeit so ein schönes Vertrauensverhältnis entwickelt, das man auch in dem Gesichtsausdruck und der Willkommensfreude der Pferde erleben kann.

Leider kann ich jetzt nur noch sehr bedingt Pferde ausbilden. Nach meinen vielen Operationen habe ich auch wegen der langen Pause keine Kontakte und Ausbildungsanfragen mehr. Mein Showaraber ist inzwischen auch 28 Jahre und kann wegen Arthrose nur noch Schritt gehen. Aber meine Esel reite ich noch gerne. Ich suche wieder Gelegenheiten, zu anderen Leuten hinzufahren, um Pferde auszubilden oder meine Reitweise zu erklären. Aber mit 78Jahren kann ich nicht mehr so große Sprünge machen.

Welchen Rat möchten Sie zum Schluss anderen Pferdefreunden noch mit auf den Weg geben?

Ich sehe in den Pferden Gottes wunderbare Geschöpfe und bedanke mich immer bei Gott und den Pferden, wenn sie mich mit Freude und Geduld tragen. Davon möchte ich auch anderen Menschen erzählen, damit sie die Pferde liebevoll und schonend behandeln.

Vielen Dank Herr Lang, dass Sie sich die Zeit für  für unsere Fragen genommen haben.

Auf der Website von Pferd-Mensch-Film findest du weitere ausführliche Informationen über Günter Lang und seine Reitweise.

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