Tim Grothe im Gespräch

Manchmal kommt es anders, als man denkt. Diese Erfahrung mußte auch Tim Grothe machen, der in der Eventbranche aktiv war - bis Corona kam. Die Pandemie stellte sein gesamtes Berufsleben auf den Kopf und er wußte nicht, ob und wie es überhaupt weitergehen würde. Was ihm in dieser schwierigen Zeit geholfen hat, waren die Pferde. Wie sagte er selbst einmal so schön: "Was mir half, das alles zu überstehen oder besser gesagt meinen Kopf frei zu bekommen war das Hobby rund um die Pferde und der Wille, Reiten zu lernen. Denn wenn man das Reiten lernt, hat man keine Zeit, an andere Dinge zu denken, oder man fällt vom Pferd..."

Letztendlich war es dann auch die Corona-Pandemie, die Tim schließlich zum Pferdefotografen werden ließ. Da er seinen Beruf nicht ausüben konnte, hatte er mehr freie Zeit, als ihm lieb war. So kam er auf die Idee, seine alte verstaubte Kamera herauszukramen und Bilder von seiner Frau und ihrem Pferd zu machen. Diese stellte er ins Internet und dann passierte etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Auf einmal meldeten sich immer mehr Leute, die sich auch von ihm fotografieren lassen wollten. So nahm das Ganze seinen Lauf und nach kurzer Zeit ist die Pferdefotografie nun zu einem Fulltime-Job geworden.

Wie das Leben so spielt, könnte man jetzt sagen und doch ist es eine besondere Geschichte, die Tim erlebt hat. Dafür hat er aber auch einfach die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mit Mut und Ehrgeiz das Beste aus seiner Situation gemacht. Natürlich wollten wir noch ein wenig mehr dazu wissen und haben Tim Grothe einige Fragen gestellt:

Hallo Tim, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu beantworten. Kommen wir daher gleich zur Ersten. Wie bist Du eigentlich selbst zu den Pferden gekommen?

Hallo Dietmar, vielen Dank für deine Einladung, worüber ich mich wirklich sehr gefreut habe. Für mich ist das alles noch immer etwas verrückt, was in den letzten Monaten mit mir und der Pferdefotografie passiert ist. Das ich mich nun auch in die Reihe Namhafter Pferdefotografen auf eurem Blog einreihen darf, ist für mich eine Ehre.

Nun aber zur Frage. Ich hatte früher nie wirklich was mit Pferden zu tun. Meine Frau Kathy jedoch war schon immer ein Pferdemädchen, musste es aber viele Jahre hinten anstellen. Mitte 2019 war es dann jedoch so weit und unsere Tochter Romi wollte das Reiten lernen - dachte ich jedenfalls. In Wahrheit wollte Kathy wiedereinsteigen und hatte den genialen Plan, unsere Tochter fürs Reiten zu begeistern (Pferde / Tiere liebt sie eh über alles), um dann später selbst auch ein paar Wiedereinsteigerstunden in der Reitschule nehmen zu können…

Mädchen mit Pferd
Immer die Töchter (Foto: Tim Grothe)

Ab dann ging alles wahnsinnig schnell. Auf einmal saß ich auch auf dem Pferd und war erstaunt, wie schwer das Ganze doch ist. Dann packte mich der Ehrgeiz und meine erste Reitbeteiligung und unzählige Reitstunden folgten. Faya, unsere Oldenburger Stute, kam dann im Herbst 2019 zu uns. Als dann auch noch mein Sohn mit dem Reiten anfing, wurden mir 3 Reitbeteiligungen einfach zu viel. Also entschloss ich mich fürs eigene Pferd und die wunderbare Freiberger Stute Finja kam ebenfalls zu uns. Mittlerweile haben wir einen kleinen Eigenversorgeroffenstall und die ganze Familie ist Hüa!

Was fasziniert Dich gerade an Pferden?

Oh weh, da könnte ich nun so viel erzählen. Die sanften, anmutigen Riesen mit ihrer majestätischen Erscheinung sind für mich einfach etwas ganz Besonderes! Sie haben mir wortwörtlich den Verstand gerettet. Gerade, als Corona losging und wir unseren Betrieb zwangsläufig schließen mussten, stand ich vor einem Riesenscherbenhaufen. Begleitet von psychosomatischen Problemen wusste ich nicht, wie es weiter gehen sollte. Ein Teil meines Lebens blieb jedoch, das Pferd! Es lehrte mich, sich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und alles andere auszublenden.

Das half mir wirklich sehr, die schlimmste Zeit der Corona-Krise zu überstehen. Dafür bin ich diesen wunderbaren Geschöpfen einfach wahnsinnig dankbar. Das Reiten selbst ist für mich übrigens kein wirklich wichtiger Bestandteil. Als ich Finja kaufte, war ich zum Beispiel der letzte, der auf ihr zum Reiten saß. Mir reicht es auch aus, einfach mal an den Stall zu fahren und sie zu kuscheln oder zu beobachten. Trotzdem gebe ich natürlich mein Bestes, das Finja bestmöglich und gesund ausgebildet wird und ich auch nur unter diesen Bedingungen das Reiten weiter lerne.
 
Als Fotografie-Anfänger bist Du sehr schnell durchgestartet, wenn man bedenkt, dass alles erst vor rund einem Jahr begann. Wie war das so schnell möglich?

Und wieder ist meine Frau mitschuldig. Tatsächlich hatte ich vor einem Jahr das erste Mal unsere alte Kamera in der Hand. Kathy bat mich, von ihr beim Reiten ein paar Bilder zu schießen und ein bisschen zu filmen. Was ich mit unsere alten Kamera tat. Dies machte mir so unglaublich viel Spaß, dass ich mir still und heimlich eine etwas bessere Kamera kaufte, denn mit dem alten Schinken was einzufangen war echt anstrengend. Auch wenn Kathy anfangs darüber nicht so begeistert war, dass ich mir in so schwierigen Zeiten eine neue Kamera kaufte, verpflichtete sie mich dann sogleich auch, mit ihr ein ordentliches Shooting zu machen. Natürlich landeten die Bilder später im Netz und die ersten Anfragen kamen relativ schnell rein.

Es mag aber auch daran liegen, dass ich ein ziemlicher „Extremist“ bin. Wenn’s dann auch noch Spaß macht, kann ich nichts halb machen. Irgendwie hatte ich mein ganzes Leben auch immer das Glück, mit dem was mir Freude bereitet Geld verdienen zu dürfen. Dabei sollte es wohl auch in solchen bescheidenen Zeiten bleiben. Naja, und am Ende sind es vor allem wohl die Pferdeleute, denen meine Arbeit scheinbar gefällt und die mich dann buchen.

Zur Pferdefotografie bist Du ja eher "zufällig" gekommen. Was ist hier die größte Herausforderung für Dich?

Mein Zeitmanagement ist eine Katastrophe und meine größte Baustelle, die ich wohl niemals in den Griff bekommen werde. Ich bin Hals über Kopf in die haupterwerbstätige, also professionelle Pferdefotografie „gefallen“. Wenn man dann mal 20 Pferde in nur wenigen Tagen oder mehrere Stallshooting in einer Woche macht, weiß man, wie kostbar jede Minute sein kann. Da hilft e,s wenn einem bewusst wird, dass das Fotografieren selbst gerade mal 5-10% der Arbeitszeit ausmacht. Ich komme deutlich schneller an meine zeitlichen Limits als je zuvor. Eigentlich verbringe ich lieber die Zeit an den Höfen und bei den Pferden, anstatt in meinem Büro am PC. Damit muss ich nun irgendwie klarkommen.

Welche Tipps kannst Du Amateur- und Hobbyfotografen für gelungene Pferdebilder geben?

Über Bildgestaltung müssen wir Amateuren und dem Ambitionierten Fotografen wohl nicht viel erzählen. Also kommen wir mal auf einen wichtigen Punkt: Brennweite! Mindestens 100mm, besser aber noch und wo immer möglich 200mm. Wenn Geld keine Rolle spielt, am besten so ein 300mm F2.8 Ofenrohr. Ansonsten: Bei Ganzkörperaufnahmen leg dich auf den Boden. Bei Portraits mit an- oder abgeschnittenen Beinen hock dich hin.

Was möchtest Du mit deinen Bildern erreichen?

Das ist eine Frage, die ich mir noch nie richtig gestellt habe. In erster Linie sollen sie vor allem mir selbst gefallen. Manche Bilder gucke ich mir immer und immer wieder an und verliere mich richtig in ihnen. Ich glaube, das reicht mir dann auch erst mal. Wobei, so ein Kalender zum Beispiel wäre doch mal eine großartige Sache. Aktuell kenne ich mich aber auf dem Markt oder als Fotograf einfach viel zu schlecht aus, um zu wissen, was ich damit überhaupt erreichen könnte.

Welche Rolle spielt für Dich das Equipment bei der Pferdefotografie und welches nutzt Du bevorzugt?

Okay ich gebe es zu: Ich liebe Technik, aber es muss einfach jedem bewusst sein, dass das Equipment nur das Werkzeug ist. Die Fotos / Bilder macht noch immer der Fotograf. Da ich mit den Pferdebildern mein Geld verdiene, kommt für mich nur Profi-Material in doppelter Ausführung in Betracht. Da ich so die Ausfallquote und unscharfen Bilder aufs absolute Minimum reduzieren kann.

Ich habe also immer zwei Bodys dabei und auch meine Blitztechnik habe ich doppelt dabei. Ein Ausfall und verärgerte Kunden, die umsonst ihre Pferde geputzt und sich viel Zeit genommen haben, wären der super Gau, was so nicht passieren kann. Bei Studioaufnahmen ist die Blitz-Technik essenziel. Hier muss einfach alles passen. Das wichtigste jedoch: Will ich einen reproduzierbaren Stil haben, muss meine Technik, aber vor allem auch der Umgang mit ihr einfach stimmen.

Dabei habe ich immer: 2 x Sony Alpha 1 Bodys. Ich liebe sie einfach!  Neben so einigen Prime-Linsen, die ich aber eher seltener nutze, habe ich eigentlich immer das ultimative 70-200mm 2.8 und ein 300mm 2.8 Objektiv angesetzt.

Die digitale Bildbearbeitung nimmt einen immer breiteren Raum in der Pferdefotografie ein. Fluch oder Segen, wie siehst Du das?

Segen! Klar geht dafür eine Menge Zeit drauf, aber es ist für meinen Stil und meine Arbeit unmöglich, ohne auszukommen und außerdem wird man ja auch dafür bezahlt ;-). Mir geht’s bei meinen Bildern vor allem um Ästhetik und sie sollen zum Verweilen einladen. Störende Zäune, Häuser, Elemente, die einfach im Bild nerven, sind so schnell weggezaubert und man kreiert einfach etwas wunderbar einzigartiges. Um die pure Realität ging es mir noch nie. Davon haben wir draußen genug. Eins ist aber klar, das Pferd soll schon Pferd und auch erkennbar bleiben. Und ganz ehrlich, ich nenn mich selbst eigentlich nicht mal Fotograf. Ich mache einfach gerne Bilder von Pferden, mit den Möglichkeiten, die ich habe und beherrsche.

Wer in der Welt der Pferdefotografie inspiriert Dich besonders und weshalb?

In der Szene kenne ich mich nicht wirklich gut aus. Ich habe oft meine Scheuklappen auf und mache überwiegend mein Ding. Zwei Namen sind trotz allem hängen geblieben, wo ich die Arbeit auch einfach toll finde. Wiebke Haas macht grandiose Studiobilder und Alexandra Evang ist wohl die Königin der Außenaufnahmen! Der Rest der Pros sind für mich tatsächlich nur Namen, denen ich aber wohl kaum ein Bild zuordnen kann.

Was war dein bisher berührenstes bzw. außergewöhnlichstes Erlebnis bei einem Pferdeshooting?

Oh ha, eigentlich ist jedes Shooting was Besonderes, wo man sich drauf einstellen muss. Aber mir fallen direkt zwei ein, von denen ich erzählen möchte. Ich hatte vor einiger Zeit eine unglaublich nervöse Kundin, die sich lange überlegt hatte, ob sie wirklich ein Shootinig will - am Ende kam es dann natürlich zu dem besagten Shooting. Mein Gott, sie war so nervös und unsicher. Da ist Feingefühl und Einfühlungsvermögen des Fotografen gefragt. Bei solchen Fällen erst einmal Vertrauen aufzubauen ist das allerwichtigste! Naja, als wir dann so weit waren und die ersten Bilder gemacht hatten, zeigte ich ihr zur Beruhigung ein paar davon, mit dem Ergebnis, dass sie in Tränen ausbrach. Sie hatte nicht erwartet, dass man von ihr und ihrem Pferd solche schönen Bilder machen kann - sagte sie mir. Das hat mich schon sehr gerührt aber auch gefreut, das ich tatsächlich in der Lage bin, mit meiner Arbeit solche Emotionen auszulösen.

Frau mit Pferd an ihrer Seite
Berührende Momente (Foto: Tim Grothe)
 

Dann denke ich noch an ein Regenbogenshooting von einem 34 Jährigen Wallach, wo klar war, dass er ganz bald von uns geht. Auch hier waren eine Menge Tränen im Spiel und ich musste meine Kundin einfach in den Arm nehmen. Wenn ich daran denke, bekomme ich jetzt noch Pipi in den Augen.

Mit der Pferdefotografie bist Du inzwischen voll durchgestartet, aber wie ich gelesen habe, vermißt Du die Eventsbranche nach wie vor. Wie soll es in Zukunft weitergehen, wenn auch dort wieder mehr möglich ist?

Naja, ich bin noch immer Inhaber und Betreiber eines Clubs, der Pandemiebedingt geschlossen ist. Ich habe hier eine große Verpflichtung gegenüber unseren Stammgästen, die uns seit Tag 1 der Pandemie wahnsinnig unterstützen. Sobald wir dürfen, werden wir auch wieder öffnen. Das wird ein Kraftakt, aber mit dem richtigen Team an meiner Seite ist alles möglich. Und umso mehr ich fotografiere, umso mehr vermisse ich auch eine richtig ordentliche Party als Ausgleich.

Welchen Rat möchtest Du zum Schluss Einsteigern in die Pferdefotografie noch mit auf den Weg geben?

Halt drauf! Lieber 100 mal zu viel als einmal zu wenig abgedrückt. Die digitale Technik bietet uns diese Möglichkeit, die man ruhig nutzen darf! Mit der Zeit wirst du ein Gespür dafür Entwickeln, den Ausschuss zu minimieren. Hast du keine Ahnung vom Belichtungsdreieck, mache dich am Anfang wenigstens mit der Belichtungszeit und der Blende vertraut, im Zusammenhang mit der Iso-Automatik und Belichtungskorrektur sollte dir jedes Bild möglich sein einzufangen. Und das wichtigste: Probiere dich aus und mach einfach, was dir Spaß macht! Der Rest kommt von allein.

Zum Thema Sicherheit und Respekt: Bitte vergiss niemals, dass es sich bei Pferden um Lebewesen handelt. Behandle sie gut und mit Respekt. Außerdem sollte dir der Umgang mit Pferden vertraut sein. Wenn du keine Ahnung von Pferden hast, würde ich erst mal einige Bodenarbeitsstunden empfehlen, bevor man die nächste Koppel oder ein Pferdeshooting anstrebt! Sei dir bewusst, dass bei der Arbeit mit Pferden die sanften Riesen immer am längeren Hebel sitzen und manchmal gar nicht so sanft sind.


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