Almauftrieb der Norikerhengste

Noriker sind unglaublich vielseitige und charakterlich starke Pferde, die gerne im Freizeitbereich eingesetzt werden. Sie sind aber durchaus auch für Reiter geeignet, die Turniermabitionen haben. Ihr Name geht auf die römische Provinz „Noricum“ zurück, welches die lange Verbreitungsgeschichte dieser Pferderasse bis hin zu Zeiten der Römer im Alpenland verdeutlicht. Was die Noriker neben ihrem kräftigen Gebäude und dem ausgeglichenen Charakter so besonders macht, ist ihre Farbenvielfalt, die von Schecken über Mohrenköpfe und Tigerschecken bis hin zu Füchsen, Rappen und Braunen reicht.

Noriker
Farbenvielfalt (Foto: Marion Beckhäuser)

Eng verbunden mit der Rasse Noriker ist aber leider auch das Schlagwort „Schlachtfohlen“. Seitens der EU wird das Vermehren von bedrohten Rassen subventioniert, und der Noriker gehört zu einer bedrohten Haustierrasse. Dies nutzen einige unseriöse Händler und Züchter aus und bringen damit eine ganze Branche in Verruf. Dabei gehören die Noriker ein Stück weit zur Kultur in Österreich, wobei es sie natürlich auch in der gesamten Alpenregion gibt. Beindruckend sind z.B. die jährlichen Almauftriebe der Norikerhengste in den Kitzbüheler Alpen. Bevor es aber soweit ist, steht für die Hengste die Klärung der Rangfolge an, die für eine gute und verletzungsfreie Sömmerung eine Grundvoraussetzung ist.

Diese imposanten Schaukämpfe, die sich während des gegenseitigen Beschnupperns ergeben, bieten zwar spektakuläre Szenen, gehen in der Regel aber glimpflich aus, auch wenn das Aufeinanderprallen der Kraftprotze noch so martialisch aussehen mag. Zahlreiche Zuschauer wohnen daher auch immer diesem besonderen Schauspiel bei. Im Spertental, welches sich in Aschau im Brixenthal/Tirol befindet, hat z.B. auch die Fotografin Marion Beckhäuser ein solches Ereignis besucht und beschreibt für uns ihre Eindrücke – natürlich hat sie von dort auch eindrucksvolle Bilder mitgebracht:

Rangkämpfe Noriker
Rangkämpfe (Foto: Marion Beckhäuser)

Es kribbelt vor Aufregung, als ich in Ebenau das Auto parke, um von dort zum legendären Spertentaler Hengstauftrieb auf der Karalm in Tirol hinaufzuwandern. Je länger ich den Weg zur Alm entlang gehe, desto schneller tragen meine Füße mich und ich grüße und überhole so den ein oder anderen Münchner, Regensburger, Tiroler, Kärntner, Zillertaler und denke, es muss wirklich etwas Besonderes sein, das die Menschen von überall her bei selbst trübem Wetter ins Spertental anzieht…

Voller Vorfreude näher ich mich endlich der Wiese und halte Ausschau nach den sagenumwobenen Kaltblütern. Vorbei an den bunten Ständen mit allerlei Utensilien für Pferd, Reiter und Kutsche über dampfende Käsekrainer- und Steaksemmelbuden sowie Kaffee & Kuchen für die Süßen und sogar einer Bühne für die Life-Frühschoppenmusik sehe ich sie! Da ist die geballte Kraft aus Tirol: riesige Kraftprotze, die vor Tatendrang und Temperament zu platzen scheinen! Sie tänzeln, schnauben und wiehern, während die stolzen Besitzer den letzten Schliff in die „Mähnenfrisur“ und das glänzende Fell bringen. Ein Traum für jeden Pferdenarr!

Pferdewaage
Das Wiegen der Pferde (Foto: Marion Beckhäuser)

Nach so einigen Stippvisiten, bei denen ich über oder in den Hänger lugen und auch im Grünen mal Pferd & Mensch portraitieren darf, geht es endlich los! Das erste Prachtexemplar wird gewogen: Halleluja! Das sind Zahlen, soviel bringt mein Panda sicher nicht auf die Waage! Oft bis zur einer Tonne Kraft auf vier Hufen misst dieses Spezialgerät! Dann trabt der Noriker auf die „Showkoppel“, vorbei am Moderator, der Pferd für Pferd vorstellt und über Besonderheiten und Herkunft erzählt, was einen sehr guten Einblick in die Norikerwelt gibt.

Kaum gesellen sich Kandidat zwei und drei auf der Weide hinzu, platzt förmlich die Kraft wie ein Vulkan aus ihnen heraus und die zweibeinigen Begleiter haben Mühe, sie noch an der Leine zu halten. Kaum sind sie sich selbst überlassen, geht es los wie bei einem Orkan, der selbst dicke Bäume umhaut. Sie wiehern und schnauben, steigen hoch in die Luft, fast senkrecht, galoppieren wild über durch das Areal, das von einer bunten Menschenmenge umringt ist. Die bebenden Körper bäumen sich auf und treffen mit trommelnden Hufen aneinander, die wilden, langen Mähnen fliegen und wenn sie mit Hufen und Köpfen aneinandergeraten, kracht und ja manchmal quiekt es sogar! Und mir bleibt derweil der Mund offen und ich habe das Gefühl, in einer Art Naturkrimi- und Abenteuerfilm zu sein, so sehr springt die Spannung auf mich über!

Noriker
Beieindruckende Kulisse (Foto: Marion Beckhäuser)

Nach so einiger Zeit und vielen (Zwei-) kämpfen denke ich, daß nun wohl Ruhe einkehrt, doch da geht der Kampf um die Herdenführung schon wieder los. Ich bin restlos begeistert von dieser unbändigen Kraft auf vier gewaltigen Hufen und mein Adrenalinspiegel ist immer noch am Ansatz, als gegen Ende dann klar wird: der Mohrenkopfnoriker Stubaier Vulkan geht als Sieger hervor, wird die Herde für diesen Sommer anführen und auch die Folgeplätze werden ausgefochten…dieses alljährliche Ritual um die Vorherrschaft einer Norikerherde für die Zeit auf der Alm zieht die Besucher so sehr in den Bann, daß man wirklich überall leuchtende Augen sieht und diese Kraft und Energie förmlich wie eine Magie in der Luft zu liegen scheint.

Noch lange zehre ich von diesem Gefühl und statt zum Parkplatz nach Ebenau zurückzuwandern, kommt es mir vor, als schreite oder trabe ich eher, und zwar mit einem breiten Grinsen im Gesicht…solange ich nicht anfange zu Wiehern, ist alles in bester Ordnung!

Marion Beckhäuser

Mit herzlichem Dank für die freundliche Unterstützung der Kitzbüheler Alpen Marketing GmbH*!

Anmerkung: Leider findet der diesjährige Hengstauftrieb, der am 21.6. stattfinden sollte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt!

Über Marion Beckhäuser

Marion Beckhäuser arbeitet seit über 20 Jahren als freie Fotojournalistin für zahlreiche deutsche und internationale Magazine wie zum Beispiel Geo Saison, Merian, National Geographic, Stern und Cosmopolitan. Weltweit begleitet sie fotojournalistisch Projekte von NGOs und Organisationen, wie zum Beispiel Plan International. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in Berlin, München, Düsseldorf, Algier und Marseille ausgestellt.

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