Dr. Brigitte Kaluza – Reiten nur mit Sitzhilfe

Zügel- und Schenkelhilfen spielen in der heutigen Reiterei eine zentrale Rolle. Für die Gesundheit des Pferdes hat dies aber nicht nur Vorteile. In ihrem Buch „Reiten nur mit Sitzhilfe“ versucht Brigitte Kaluza uns davon zu überzeugen, das das Einwirken des Reiters auf sein Pferd hauptsächlich über den Sitz besser wäre. Gelingt ihr das? Jürgen Grande von Minimal Horsemanship hat sich ausführlich mit diesem Buch auseinandergesetzt und teilt uns hier seine Eindrücke mit:

Dr. Brigitte Kaluza – Reiten nur mit Sitzhilfe*
Die wissenschaftliche Grundlage einer fast vergessenen Kunst
Cadmos 2020 (unveränderter Nachdruck 2021)

Review by Jürgen Grande (Minimal Horsemanship) 08/2023

Wenn Naturwissenschaftler von der „Schönheit“ einer Theorie oder Formel sprechen, dann meinen sie damit entweder deren Schlichtheit, deren enorme Aussagekraft oder deren betörende Konsistenz.
Manche Bücher fallen auch unter dieses Schönheitsideal. Aber, wie so häufig, verfliegt der Glanz des ersten Eindrucks, wenn deren Inhalt einer genaueren Betrachtung unterworfen wird.
Ich gebe zu: Auch ich war von Brigitte Kaluzas „Reiten nur mit Sitzhilfen“ erst einmal gefangen genommen, und es ist ja mittlerweile ein echter Bestseller geworden – jedoch zu Recht?
Beim zweiten Durchlesen kamen bei mir schon die ersten Zweifel auf. Für das dritte Mal nahm ich mir ein halbes Jahr Zeit, um den Inhalt detailliert zu verarbeiten und zu bewerten.
Um es vorwegzunehmen: Kaluzas Buch ist die reinste Achterbahnfahrt. Die Autorin ist dort brillant, wo sie sich auf ihrem ureigenen Terrain der Biologie bewegt, während Physik offenbar nicht ihr Hauptfach ist. Schauen wir uns also zunächst den zweiten Punkt an.

Seltsame Natur

„Dank unserer genauen biomechanischen Modelle sind wir daher erstmals in der Lage, das Reiten ’nur mit Sitzhilfen‘ bewusst zu erlernen. Der Zugang zur eigenen Körperwahrnehmung funktioniert nur mit physikalisch korrekten Modellen, denn unser Kleinhirn als spezialisierter Prozessor zur Überprüfung von Vorhersagen akzeptiert keine falschen.“  (Kaluza 2021, S.197; Hervorhebung von mir)

In großem Maße Analogien aus der Mechanik und Festkörperphysik zur Beschreibung der gemeinsamen Fortbewegung von Mensch und Pferd heranzuziehen, ist eine Herangehensweise, wie sie seit DuPaty de Clam Einzug in die Reiterwelt gehalten hat und die Kaluza ja eigentlich zu recht geißeln möchte. Was holt sie stattdessen ins Boot? – Ohne ins Detail zu gehen, fällt mir als altem Naturwissenschaftler am meisten ins Auge: der reichlich überstrapazierte Vergleich mit dem Skateboard, dann aber auch Pendel und Federn, die Vorhand als Sackkarre, der Pferdekörper als Gummiball, Pferdebeine als Speichen eines Rades, Rollbewegungen, übers Wasser hüpfende Kieselsteine, tiefe Rumpfmuskulatur als Flaschenzug, Radfahren, Masseschwerpunkte, kardanische Aufhängung, um nur die wichtigsten zu benennen.

Vieles davon ist jedoch weit entfernt davon, tatsächlich die natürlichen Wirkungsweisen des Reitens zu beschreiben. Selbst wenn wir Kaluza zugestehen würden, sie wolle eigentlich die oft und gern verwendeten physikalischen Alltagsbeispiele nur als verständnisfördernde Bilder verstanden wissen, so sind diese dennoch weitgehend irreführend und hätten vielleicht in einer Kinderfibel ihren berechtigten Platz, jedoch nicht in einer Abhandlung, die „die wissenschaftliche Grundlage einer fast vergessenen Kunst“ zum Inhalt hat.

Auch wenn im Verlaufe des Dikurses Kaluza ihre eigenen Modelle dann doch teilweise verwirft, ihre Vergleiche relativiert oder gar (zunächst) zurückzunimmt, so werden diese dann alsbald doch wieder aus dem Hut gezaubert, was den aufmerksamen Leser manchmal etwas ratlos zurücklässt.

Mythos Alte Meister

Überhaupt ist der Abschnitt „Reiten und Reitlehren“ eine sehr merkwürdige Zusammenstellung. Warum  müssen eigentlich andauernd Leute wie Grisone et al. rehabilitiert werden, wenn es in den letzten Jahrhunderten genügend talentierte Pferdeleute gab und gibt, die als Vorbilder viel geeigneter wären? Vielleicht liegt es daran, dass an bestimmten Namen die Patina des Altehrwürdigen und Unfehlbaren klebt, welches Güte und Brauchbarkeit verheißen soll. Xenophon, Grisone, Guérinière, Newcastle, Baucher, Steinbrecht etc. sind die üblichen Verdächtigen, wenn es um die „alten Meister“ geht, wobei Fehleinschätzung und Fehleinordnung häufig genug vorkommen.

Ich rücke hier in aller Kürze mal ein paar Dinge zurecht.

Xenophon ist nicht der „Vater der Reitkunst“, wie er gern bezeichnet wird, sondern war lange Zeit unbeachtet und wurde erst in der Renaissance wieder ausgegraben und aufpoliert. Grisone, der sich auch auf ihn bezog, war lediglich der erste Bestsellerautor der Neuzeit, hatte aber keine bedeutenden Schüler hervorgebracht. Giovanbattista Pignatelli dagegen, den Kaluza nur einmal kurz erwähnt, war wohl der einflussreichste Rittmeister seiner Zeit. Dessen Schützlinge de la Broüe und de Pluvinel (um nur zwei zu nennen) brachten die italienische Reitkunst nach Frankreich, um sie dort weiter zu entwickeln. Dann der notorische Narziss Newcastle, der die Pferdewelt polarisierte und nachhaltig beeinflusste: Viele vergötterten ihn, wogegen andere von seinen Büchern als „Plunder“ sprachen. Einer seiner Bewunderer, Guérinière, war übrigens nicht der Erfinder des Schulterherein, das beschrieb vor ihm schon der Österreicher Christoph von Regenthal, und den Zeitgenossen Louis Cazeau de Nestier schätze ich reiterlich, nebenbei erwähnt, persönlich höher ein als Guérinière selber. Kommen wir zu Baucher. Seine „deuxième Manière“ war nicht einfach nur die Fortentwicklung seines Frühwerks, sondern vielmehr eine Umkehr, nachdem ein schwerer Unfall 1855 in zum „Reiten in Pantoffeln“ zwang. Und der gute alte Steinbrecht: „Das Gymnasium des Pferdes“ ist nicht von ihm selber geschrieben worden, sondern von seinem Schüler und Intimus Paul Plinzner, der mit dem Namen seines Gönners offenbar das eigene Renommee aufpolieren wollte. Steinbrecht hat das Ersterscheinen „seines“ Werkes 1886 (nicht 1884, wie oft fälschlich angegeben) nicht mehr erlebt.

Inwieweit die eben genannten Rittmeister (und deren zahlreiche, oft ebenso talentierte Zeitgenossen) tatsächlich reine Sitzhilfen eingesetzt haben, ist nicht immer eindeutig überliefert, da Sitzhilfen sich ja eigentlich der Ratio entziehen, wie Kaluza richtig bemerkt, und nur ungenügend schriftlich niedergelegt werden können. 
In der Ära der vorindustriellen Reiterei (insbesondere in der Renaissance, und übrigens auch bei Grisone) sehen wir häufig genug Rittmeister, die wie aufgepfählt auf ihren an Kindersitze gemahnenden Sätteln Platz nehmen, wobei an feiner Sitzeinwirkung kaum zu denken ist. Steinbrecht und Baucher arbeiteten für den Zirkusbetrieb. Baucher und Plinzner versuchten sich als glühende Reformer der jeweiligen Kavallerie. Zirkus und Kavallerie sind jetzt aber nicht unbedingt Bereiche des feinfühligen Reitens.

So viel zum Thema „alte Meister“. Da klebt oft mehr Etikett drauf als in Wahrheit drin ist.

Fehlerhafte Quellenangaben kommen übrigens auch nicht gut an in einer betont wissenschaftlich orientierten Publikation. Ich denke hier speziell an Müseler und Steinbrecht. Doch zurück zum Hauptanliegen der Autorin.

Genug gemeckert

Wenden wir uns lieber den Abschnitten im Buch zu, wo Kaluza ihre Stärken zeigt und wo wir sehr wohl großen Nutzen daraus ziehen können. Es sind zuvorderst die Kapitel eins und vier, Neurologie und Gymnastik. Hier sehen wir sofort: Sobald Kaluza das Glatteis der toten Festkörperphysik verlässt und den festen Boden der lebendigen Biomechanik betritt, kommen die Schätze zutage, die das Buch dann doch lesenswert und überaus brauchbar machen, besonders weil auch immer wieder wohlbegründete massive Kritik an der neueren „klassischen“ Reitweise dabei laut wird.

Hier die Highlights:

Zunächst lesen wir einiges über die neuronale Bewegungssteuerung. Vereinfacht ausgedrückt erfahren wir hier, dass in der herkömmlichen Reiterei zu sehr an das Großhirn (Ratio) des Menschen appelliert wird, während das für die propriozeptive Bewegungssteuerung besser geeignete Kleinhirn ins Hintertreffen gerät. Und in der Tat sind fast alle herkömmlichen Reitlehren nichts anderes als mechanistische Gebrauchsanweisungen, die dem menschlichen Verstand mitteilen, welche „Hebel“ er in Bewegung setzen soll – „Industrienorm Pferd“ sozusagen. Letztendlich „bewegt“ bei diesen Methoden der Mensch das Pferd, und nicht umgekehrt, so wie es eigentlich sein sollte.

Drei schlechte Gewohnheiten erkennt die Autorin beim herkömmlichen Reiten: Klammern, Sitzen auf dem Gesäß und ständiges Treiben mit den Schenkeln. Schenkelhilfe löse keinen Reflex aus und sei daher keine wirklich Hilfe für das Pferd. Treiben mit dem Unterschenkel störe die Synchronisation des Reiters mit dem Pferd. Anlehnung und Beizäumung störten zudem den natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes. Das sind in der Tat die Unsitten, die wir in tausenden Reithallen rund um den Globus beobachten können.

„Wenn wir von einem Pferd sagen, dass es ‚über den Rücken‘ geht, dann funktioniert diese oszillierende Kraftübertragung [i.e. die ‚Taumelscheiben‘-Wirkung des Beckens; JG]. Leider gehen bei Weitem nicht alle Pferde unter dem Reiter ‚über den Rücken‘. Die Ursache sind Schenkel- und Zügel-‚Hilfen‘, die im vermeintlich richtigen Moment ein Hinterbein unter den Schwerpunkt treiben oder versammeln sollen. Solche Hilfen kommen nie im wirklich richtigen Moment und hätten daher besser den Namen ‚Störungen‘ verdient.“  [Kaluza 2021, S. 43]

„Sitzt die Störung allerdings ständig auf dem Rücken des Pferdes, ist diese Versteifung [i.e. Unterbrechung der Oszillationsbewegung der Taumelachse; JG] kontraproduktiv. Das Pferd bewegt sich dann in einem Modus, der in der Reitliteratur auch als ‚Schenkelgänger‘ bezeichnet wird.“ 
[Kaluza 2021, S. 44]

„Der feine Unterschied zwischen beiden Begriffen [Gymnastik und Gymnastizierung; JG] ist die Selbstbestimmtheit der Gymnastik im Gegensatz zur Fremdbestimmtheit der Gymnastizierung: Wir sind überzeugt, als Reiter den Pferdekörper mit unseren Zügel- und Schenkelhilfen formen zu können und dabei dem Pferd etwas Gutes zu tun.

Diese Überzeugung ist jedoch genau genommen absurd, denn ein Mensch kann bewusst mithilfe seiner Großhirnrinde noch nicht einmal seinen eigenen Körper in der Bewegung steuern … Wenn wir zu seinem [des Pferdes; JG] Gymnastiktrainer werden wollen, sollten wir so viel von seiner Bewegungsphysiologie verstehen, dass wir ihm die richtigen Übungen vorschlagen können. Die Ausführung der Übungen sollte immer dem Pferd überlassen bleiben – in Selbsthaltung.“   
[Kaluza 2021, S.135; Hervorhebung von mir]

Genauso sehe ich das auch. Je ungezwungener ein Pferd ist, umso geschmeidiger und gelöster vollführt es seine Übungen – auch geritten.

„Frei laufende Pferde bewegen sich normalerweise im ‚Energiesparmodus‘ oder im ‚Allbeinantrieb‘ und tragen dabei etwa zwei Drittel ihres Körpergewichts auf der Vorhand. Dennoch laufen sie auf gerader Strecke in absolut taktklaren Gangarten, bei denen die einzelnen Beine in gleichmäßigen Zeitintervallen auffußen.“
[Kaluza 2021, S.145]

Nature tells the truth. Ein Aspekt, den wir immer wieder in Erinnerung rufen sollten, sobald es wieder mal um das „Reiten auf der Vorhand“ geht, welches besonders gern den angeblich unprofessionellen Freizeitreitern vorwurfsvoll angeheftet wird. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

„Der ‚Schwerpunkt‘ ist eine abstrakte Hilfskonstruktion, denn erstens ist nicht die gesamte Masse des Pferdes an einem einzigen Punkt seines Körpers vereinigt und zweitens ändert sich die Form des Pferdekörpers ständig in der Bewegung.“
[Kaluza 2021, S.145]

„ … wenn das Pferd die Laufrichtung ändern oder irgendein anderes Manöver ausführen will – in solchen Augenblicken wird der monotone Takt der Bewegung unterbrochen. Pferde sind zu erstaunlicher Akrobatik fähig und können ihre Körper so formen, dass der Schwerpunkt von jedem beliebigen ihrer Beine unterstützt wird: Es können, aber es müssen nicht immer die Hinterbeine sein, die unter den Schwerpunkt treten! Das Kleinhirn des Pferdes berechnet blitzschnell, wie der Körper geformt werden muss, damit die Balance erhalten bleibt.“
[Kaluza 2021, S.146]

An dieser Stelle möchte ich der FN ausgerechnet einen ihrer Säulenheiligen unter die Nase reiben, der es lapidar auf den Punkt bringt: „Die in der Reitliteratur vorhandenen gegensätzlichen Auffassungen des Begriffes Gleichgewicht finden ihre Erklärung darin, daß man einerseits die für einen toten Körper aufgestellten Gesetze auch auf den sich bewegenden, lebenden überträgt, andrerseits bei Erforschung der Gleichgewichtsgesetze, denen der Pferdekörper in der Bewegung unterliegt, den Schwung außer acht läßt …“  
(Hans von Heydebreck in: Gustav Steinbrecht, Das Gymnasium des Pferdes; 4. Auflage 1935; S.53).

„Ihr Bewusstsein darf diesen Vorgang [i.e. synchrones Reiten; JG] nicht mit Handlungsanweisungen stören, sondern nur im Hintergrund mit Bildern oder Vorstellungen unterstützen.“  
[Kaluza 2021, S.153; Hervorhebung von mir]

„Reiten mit Sitzhilfen ist eine Meditationsübung, bei der wir uns vom Pferd bewegen lassen, dabei die Schwingungen in den drei Raumebenen fühlen und unseren Körper so einsetzen, dass alle drei Ebenen passend zu der jeweiligen Bewegungsintention ausgerichtet sind … Reiter und Pferd sind in Balance, wenn es gelingt, diesen Zustand auch in der Bewegung zu erhalten… “   
[Kaluza 2021, S.100/101; Hervorhebung von mir]

Was bleibt?

Besonders die letzten Aussagen sind wunderbar, aber noch lange keine Anleitungen, denn Kaluza hat ja keine Reitlehre geschrieben, sondern ihr Anliegen ist es, uns diese Dinge wissenschaftlich näherzubringen, was ihr zumindest an dieser Stelle, diesmal mit guten Bildern und Modellen, gelungen ist. Schade nur, dass sie vorher über weite Strecken ihre Argumentation mit wirklich unpassenden physikalischen Vergleichen angereichert hat.

Vielleicht wäre es von vornherein besser gewesen, den akademischen Anspruch hintan zu stellen und dafür die biomechanischen Erkenntnisse mehr mit den eigenen langjährigen Erfahrungen als Reiterin zu verknüpfen, um dann tatsächlich ein praktisch orientiertes Reitbuch zu schreiben, dessen Titel schlicht gelautet hätte: „Reiten nur mit Sitzhilfe“ – sonst nichts.

Jürgen Grande (MinimalHorsemanship@email.de) 08/2023

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