Wenn die Angst mit im Sattel sitzt

Veröffentlicht in Ausbildung Pferd & Reiter

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Kathrin Schütz

Jeder hatte sicherlich schon einmal so einen Schreckmoment – sei es beim Reiten, wenn das Pferd z.B. wegen eines unbekannten Geräusches oder Gegenstandes zur Seite gesprungen ist oder beim Herausbringen auf die Wiese, wenn das Pferd herumtänzelte und sich vielleicht sogar losriss. An einige Situationen können wir uns noch gut erinnern – wenn das Pferd mit uns im Wald durchgegangen ist oder wir beim Springen im Sand gelandet sind – andere Momente haben wir regelrecht vergessen oder halten sie für unbedeutend. Doch auch scheinbar vergessene bzw. verdrängte Situationen können im Alltag wieder auftauchen, und wir verstehen nicht, warum wir gerade Herzklopfen haben und uns negative Gedanken durch den Kopf schießen.

Was für Außenstehende manchmal nicht nachvollziehbar ist („Stell dich doch nicht so an – du kannst doch galoppieren!“) und uns selbst rein rational betrachtet häufig auch nicht logisch erscheint, kann trotzdem zu Stress und Problemen führen. Wir wissen, dass wir galoppieren, ein unruhiges Pferd sicher auf die Wiese bringen oder beim Schmied festhalten können, und auch Prüfungen auf einem Reitturnier eigentlich souverän meistern. Die unangenehmen Gedanken und Gefühle sind dennoch da. Das kann sogar in den Überlegungen, das Pferd zu verkaufen oder mit Reiten aufzuhören, ausarten. Zusätzlich können Pferde menschliche Emotionen sehr genau spüren und direkt darauf reagieren, sodass wir obendrein die eigenen Gefühle auch noch gespiegelt bekommen. Dadurch können sich diese Situationen weiter hochschaukeln.

Pferde führen
Als langjährige Reiterin und Coach weiß Kathrin Schütz, wovon sie spricht (Foto: Daniel Kuhl Photography)

Forschungsergebnisse

Als Professorin für Wirtschaftspsychologie, langjährige Reiterin und Coach habe ich in verschiedenen Studien erforscht, wie weit die Angst unter Reiter/innen verbreitet ist und welche Erlebnisse mit negativen Gefühlen verbunden sein können. Darauf aufbauend lassen sich Strategien entwickeln, wie man mit der Angst im Alltag umgehen kann und wieder souverän mit dem Pferd ein Team bildet:

Insgesamt nahmen 879 Personen an den Studien teil. Wie auch im Stallalltag wiederzufinden, waren über 90% der Befragten weiblich. Über 80% der Reiter/innen gaben an, bereits eine kritische Situation mit einem Pferd erlebt zu haben. Dies zeigt bereits, dass man mit Schreckenssituationen nicht alleine ist. Man braucht sich nicht schlecht zu fühlen, weil man Angstsituationen erlebt hat, die einen noch verfolgen. Dabei handelt es sich bei den meisten um Geräusche in oder außerhalb der Reithalle oder Situationen beim Ausreiten.

Insbesondere Turnierreiter/innen erleben negativen Stress (Distress) und Angstgefühle kurz vor oder während der Prüfungen. Hier wurde wiederum angegeben, dass ein bisschen Stress dazu gehöre und ebenso motivierend / aktivierend sein kann, wobei es sich um positiven Stress (Eustress) handelt. Eine weitere Frage danach, wie sehr man seinem Pferd generell vertraut, beantworteten über 90% mit sehr häufig oder häufig. Knapp 90% freuen sich häufig bis sehr häufig auf das Reiten – bei einem geringen Teil der Befragten ist das allerdings nicht der Fall.

Empfehlungen

Was kann man nun tun, um entspannt und stressfrei im Stall und beim Reiten zu sein? Der erste Schritt ist das Erkennen, dass etwas Angst oder Stress auslösend ist. Wenn man ungern in den Stall fährt, wäre zunächst die Überlegung nützlich, warum man dort nicht gerne hinfährt. Sind vor Ort andere Personen, die über die eigene Reitweise lästern, ist das Pferd hibbelig, sind andere Reiter/innen mit in der Reitbahn, bei denen man Angst hat, sie reiten einen um...? In solchen Situationen kann es helfen, den anderen im Stall zu erzählen, in welchen Situationen man ein mulmiges Gefühl hat und zu erklären, warum man beispielsweise bestimmte Situationen meidet.

Zum einen braucht man sich dann nicht mehr zu verstecken oder nur noch zu bestimmten Uhrzeiten in den Stall zu fahren, und zum anderen verstehen die anderen, warum man sich wie genau verhält. Das birgt weniger Potenzial für Lästereien. Dann fällt es auch leichter, sich Hilfe zu holen und z.B. eine andere Person zu bitten, mit einem gemeinsam in der Reithalle zu reiten oder die Stress auslösenden Situationen schrittweise zu üben. Klappen zunächst kleine Schritte, stellen sich bereits erste Erfolge ein und man vertraut nicht nur sich selbst wieder mehr, sondern vermittelt dies auch dem Pferd. Je mehr positive Situationen man mit dem Pferd (und umgekehrt) erlebt, umso eher speichert man dies im Gedächtnis auch entsprechend ab, wodurch man gelassener an die nächsten Aufgaben herangehen kann.

Wichtig ist außerdem, dass man sich darüber im Klaren ist, dass Pferde Fluchttiere sind und auf kleinste Veränderungen in der Umwelt reagieren. Ein Pferd rennt in den meisten Fällen aber nicht einfach los, weil es gemein oder blöd ist, sondern weil es einen bestimmten Anlass gibt. Ein erfahrene/r Reiter/in, wie die/der eigene Reitlehrer/in, kann einem in diesen Situationen bereits gut helfen.

Es kann auch sehr hilfreich sein, sich die Angst auslösende Situation sowie im Anschluss die Wunschsituation jeweils mehrere Minuten genau vorzustellen, sei es zunächst noch so unangenehm. Hier kann man sich seine eigenen Ressourcen bewusst machen und gedanklich durchspielen, wie man diese positiv einsetzt.

Sollten die Angst und der negative Stress weiterhin anhalten, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Man kann mit Methoden aus der Psychotherapie, wie beispielswiese der Kognitiven Umstrukturierung arbeiten. Hierbei werden negative Gedanken / Kognitionen identifiziert, modifiziert und letztlich in positive Affirmationen umgewandelt.

wingwave®-Methode
Mit Hilfe der wingwave®-Methode können Blockaden gelöst und Angstthemen bearbeitet werden (Foto: Daniel Kuhl Photography)

Auch mit Hilfe der wingwave®-Methode können Blockaden gelöst und Angstthemen bearbeitet werden. Hier findet man zudem schnell heraus, welche Situation die Angst ausgelöst hat, obwohl diese häufig auf den ersten Blick nicht erinnert werden oder ersichtlich sind. Auch in den Coachings haben meine Klienten ganz unterschiedliche Themen und Hintergründe. Ist das Pferd „nur“ mal 15 Meter im Gelände losgaloppiert und eigentlich nichts passiert, kann die Angst auszureiten dennoch da sein. Bei einer Klientin war das die Ursache, obwohl sie damals noch ein Kind war. An diese Situation hatte sie zuerst gar nicht mehr gedacht hat. Auch Jahre zurückliegende Ereignisse können aktuelles Verhalten beeinflussen.

Turnierreiter/innen stressen sich teilweise beim Einreiten in die Prüfung, was mit Übelkeit einhergehen kann – während des Reitens durch den Parcours oder die Dressuraufgabe geht es dann bei vielen wieder. Auch hier geht es darum, die genaue Angst auslösende Situation zu identifizieren und dann zu bearbeiten. Ein anderer Klient sagte mir einmal, er könne seit rund 1,5 Jahren rechts einfach nicht angaloppieren, links sei es kein Problem. Im Verlauf der Sitzung zeigte sich, dass dies mit einem Erlebnis zusammenhing, als er mehrere Jahre zuvor beinahe beim Galoppieren auf dem rechten Zirkel mit jemanden, der ihm auf dem anderen Zirkel entgegen geritten kam, kollidiert wäre. Daran hatte er sich zunächst gar nicht mehr erinnert. Sind das genaue Thema / die Situation sowie die zugehörige Ursache entschlüsselt, kann das Thema bearbeitet und gelöst werden.

Ergänzung

Kathrin Schütz ist begeisterte Reiterin und Pferdebesitzerin, Wirtschaftspsychologin und Hochschuldozentin mit mehrjähriger Erfahrung in der Lehre und Forschung sowie in der Praxis als Führungskraft und Coach. Mehr über ihre Interessen und ihr umfangreiches Angebot findest du auf ihrer persönlichen Homepage. Auf der Website Pferdecoaching Eifel erfährst du mehr über ihre Coaching-Seminare mit Pferden als Co-Trainer.


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