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Gertrud Pysall

Veröffentlicht in Pferdemenschen

Das Vertrauen eines Pferdes können wir niemals erzwingen...

Welcher Pferdebesitzer träumt nicht von einer harmonischen Partnerschaft, in der das Pferd ihm freiwillig und gerne folgt? Eigentlich kann das doch gar nicht so schwierig sein, denn viele sogenannte Pferdeflüsterer machen uns ja immer wieder vor, wie einfach es doch angeblich ist. Leider sieht die Praxis aber nicht immer so rosig aus. Spätestens, wenn die Pferde den Gehorsam verweigern und ihren eigenen Weg gehen, kann es ab einem gewissen Punkt sogar gefährlich werden.

Natürlich kann man Pferde konditionieren oder mit Druck und Gewalt, z.B. mit scharfem Equipment, zum Gehorsam zwingen. Aber wie Gertrud Pysall schon richtig formuliert hat: "Das Vertrauen eines Pferdes können wir niemals erzwingen oder einfordern. Ein Pferd kann uns nur dann sein Vertrauen schenken, wenn wir uns dessen würdig erweisen." Zu dieser Erkenntnis gelangte die Pferdepsychologin schon sehr früh bei ihren ersten Reitstunden.

Gertrud Pysall
Pferdepsychologin Gertrud Pysall (Foto: Gertrud Pysall)

Mittlerweile erforscht und entschlüsselt Gertrud Pysall nun schon seit mehr als 25 Jahren die Sprache und das Ausdrucksverhalten der Pferde. Dabei hat sie bis heute mehr als 130 Vokabeln, soziale Regeln und Rituale katalogisiert und diese komplexen Muster auf den Umgang und die Beziehung zwischen Mensch und Tier übertragen. Mit ihrem daraus entwickelten Motiva-Training hilft Gertrud Pysall interessierten Menschen, ihre Pferde besser zu verstehen. Das klingt sehr interessant, und daher habe ich Gertrud Pysall einige für mich wichtige Fragen gestellt, um mehr über sie und ihre Arbeit zu erfahren:

Frau Pysall, Pferde sind wunderbare Geschöpfe und sie faszinieren uns immer wieder aufs Neue. Daher fühlen sich viele von den edlen Tieren magisch angezogen. Wie sind sie zu den Pferden gekommen.

Ich bin am Rhein geboren und habe im Rhein schwimmen gelernt. Dabei habe ich mir schon als kleines Mädchen vorgestellt, wenn die Wellen der Raddampfer mich beim Schwimmen hoch und runter hoben, so muss reiten sein, so verbunden mit dem Pferd, wie ich jetzt mit den Wellen eine Bewegung von zwei Personen spüre. Das habe ich ausführlich in meinem Buch: Wie wenn Holz auf Wasser schwimmt* beschrieben. Dieser Idee, mit Holz und dem Wasser, bin ich nachgegangen und immer auf der Suche nach diesem Gefühl, dieser Einheit mit dem Pferd. Von daher war mein Weg vorbestimmt durch diesen Gedanken, denn nur mit wirklicher Verständigung ist solche Innigkeit möglich.

Pferd
Wunderbare Geschöpfe (Foto: Gertrud Pysall)

Bei der Arbeit mit unserem Pferd orientieren wir uns häufig an Vorbildern, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Beziehung zu den Pferden zu überdenken und andere Wege zu gehen?

Es war eigentlich ganz einfach. Meiner Idee mit dem schwimmenden Holz treu bleibend, fand ich natürlich nicht das was ich suchte. Ich versuchte es in vielen üblichen Reitställen, immer wieder in der Hoffnung, doch das erleben zu dürfen, was ich sehnsüchtig erwartete. Als kleines Mädchen hatte ich einmal auf einem Kaltblut gesessen und ein wenig das erlebt, wie reiten sich anfühlen sollte. Also unabhängig vom Schwimmen wusste ich, dass es geht. Von daher war ich von der Entscheidung, was richtig ist, nicht mehr abzubringen und deswegen blieb nur, andere Wege zu gehen. Der Reitschulalltag, den ich kennengelernt hatte, kam nicht in Frage.

Haltung Gesundheit und Ernährung sind wesentliche Punkte für das Wohlergehen eines jeden Pferdes und haben auch Einfluss auf den Umgang mit ihm. Wie sieht für Sie artgerechte Pferdehaltung aus?

Ich sehe die artgerechte Pferdehaltung immer auf zwei Ebenen. Der körperlichen und der Seelischen. Weil Pferde Lauftiere sind und weil sie sehr sozial sind, brauchen sie Bewegung und Umgang mit Artgenossen. Sie müssen sich einen Freund/Freundin wählen können und mit diesem/dieser auch zusammen bleiben dürfen. Da fängt es schon an.

Zwei Ponys
Pferde sind soziale Wesen (Foto: Gertrud Pysall)

Man hört den Kritiker schon sagen: Wie soll das gehen, ich kann ja nur da mein Pferd halten, wo ich Arbeit habe und was ich mir wirtschaftlich leisten kann. Das stimmt natürlich, dennoch gilt es zu bedenken, wie gedankenlos oft Pferde den Stall wechseln müssen, weil der Besitzer das will und wie wenig die Bedürfnisse des Tieres da mitsprechen können. Wenn man der Art gerecht werden will, dann gehören die Zweierfreundschaften dazu, denn sie machen bei vielen Pferden die Lebensqualität mit aus. Natürlich spielt auch der Rest eine große Rolle, die Bewegung und die Fütterung. Jetzt sind ja die Hit-Aktivställe groß im Kommen. Viele Menschen glauben, das ist das non plus Ultra.

Ich denke etwas anders. Dort übernehmen Automaten das, was vorher Menschen gemacht haben. Die Futterautomaten lassen die Pferde für eine kurze Zeit, unter einer Stunde, an das Raufutter. Dann geht die Klappe runter und nach 2 Stunden erst wieder hoch. Ich habe nun schon einige Pferde kennen gelernt, denen das gar nicht bekommt, Stress beim Kopf herausziehen aus der Futterluke, aber auch schon Überproduktion von Magensäure, weil die Aufbereitung des Raufutters im Magen jäh unterbrochen wird, ehe der Sättigungseffekt eintritt. Das ist Stress für die Pferde, deswegen machen wir es nicht so.

Aus diesen Gründen haben wir in unserer Reitanlage feste Gruppen, in denen die Pferde immer zusammenbleiben dürfen, bis zum Tod. Da auch bei uns 20 Einstellpferde wohnen, sind diese in einer gemeinsamen Gruppe mit einigen Schulpferden von uns. Wir haben so gut wie keine Fluktuation im Stall, deswegen bleiben Freundschaften und Rangpositionen auch dort relativ ruhig bestehen.

Pferdehaltung
Freie Futterwahl (Foto: Gertrud Pysall)

Alle Pferde können 24 Stunden zusammen sein und werden kurzzeitig aus dem Stallgebäude in den Auslauf ausgesperrt, bis alles gereinigt ist, dann können sie wieder zusammen draußen und drinnen sein. Sie fressen aus Futterraufen und Netzen, Futter so viel man will. Wir kontrollieren das Futter, packen es von Hand in die Netze und Raufen, um auszuschließen, dass dort Dinge drin sind, die nicht hineingehören.

Zur Weidezeit gehen die Herden auch aufs Gras zusammen. Unsere Weiden werden täglich abgeäpfelt und gepflegt, nach Beweidung ausgemäht. Wir verwenden seit 25 Jahren keinen Kunstdünger, also bieten wir biologische Weiden mit Kräutern und Blumen an. Alle Pferde haben Zugang zu beheizten Tränken, in denen ständig frisches Wasser nachfließt. Regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt, Hufschmied, und Betreuung beim Tierarzt und Osteopathen bei Bedarf sind selbstverständlich.

Für das seelische Wohl ermuntern wir die Besitzer, sich viel mit ihrem Pferd zu befassen und die Pferdesprache ständig im Umgang mit ihnen einzusetzen, zur Freude von Pferd und Mensch.

Es ist etwas unglaublich Schönes, seinen Weg mit den Pferden gefunden zu haben. Wie würden Sie Ihre Arbeit mit Pferden und Ihr Konzept „MOTIVA“ beschreiben?

Den Begriff Motiva habe ich geprägt als Zusammenfassung für das Kommunikationssystem der Pferde. Es setzt sich zusammen aus den Vokabeln, den Regeln und den Ritualen, von daher SYSTEM.

Ich habe diese Inhalte seit mehr als einem Vierteljahrhundert erforscht, und zwar an domestizierten Pferden, also den Pferden, die bei uns allen in den Stallungen stehen. Sie unterscheiden sich vom Wildpferd durch ihre Prägung bei der Geburt. Das Wildpferd wird geprägt auf die Natur, die Gerüche und Laute der Wildnis, den der Mutter und der anderen Herdenmitglieder. Als kleines Fluchttier muss es frühzeitig in der Lage sein, die Mutter nicht zu verlieren und sie zu finden in der Herdengemeinschaft. Deswegen findet eine Prägung statt, die das Kleine Fohlen sicher macht, sein Leben an der Seite der Mutter innerhalb der Herde gut zu meistern.

Herde
Prägung in der Herde (Foto: Gertrud Pysall)

Ein in Gefangenschaft geborenes Pferd hat den selben Instinkt, wird gleichermaßen geprägt, nur die Prägeinhalte sind anders. Bei fast allen Geburten sind Menschen zugegen oder erscheinen zeitnah im Leben des Neugeborenen. Es glaubt instinktiv, Menschen gehören gleichermaßen zu seinem Leben wie die Mutter und deswegen hat es auch die gleichen Erwartungen an uns Menschen. Aus der Sicht des Fohlens sind wir dazugehörig und es denkt nicht: Na, das sind ja Menschen, die lasse ich mal außen vor.

Es hat die Erwartung an uns, dass wir auch zuständig sind und „spricht“ uns an, glaubt, wir sind ebenso wichtig wie die Mutter. Weil das in der Prägezeit stattfindet, ist diese Vorstellung unauslöschlich und bleibt lebenslang bestehen. Von daher haben unsere erwachsenen Pferde immer noch die Vorstellung, wir reden mit ihnen und beobachten akribisch, wie wir uns bewegen und was „wir sagen“. Und da geht es los. Wir denken , dass wir gar nichts gesagt haben, aber aus Sicht und Übersetzung der Pferde meinen sie, wir reden pausenlos so, wie die Pferdekumpel auch. Da fängt das grandiose Missverstehen an.

MOTIVA als komplette Sprache der Pferde ist also in dem Sinne kein Konzept, sondern es ist eben die Sprache und das Wissen darum. Damit geht man um.

Wenn man alle Vokabeln kennt, die Regeln der Pferde beherrscht und ihre Rituale erkennt, dann ist dieses Fachwissen der Maßstab meines Handels. Ich verstehe sofort, was mein Pferd vorhat oder sagen will und antworte ihm in s e i n e r Sprache auf sein Ansinnen. Dann sind wir uns frühzeitig einig, es gibt später keine Missverständnisse beim Reiten oder Kompetenzdiskussionen und mein Pferd ist zufrieden und ich auch. Es ist ein Weg der friedlichen Konfliktlösung.

Pferdeherde
Zufriedene Pferde (Foto: Gertrud Pysall)

Im Pferdebereich gibt es unzählige Trainingsmethoden, viele versprechen einen natürlichen und artgerechten Umgang mit dem Pferd. Wo sehen sie die größten Unterscheide zwischen diesen Angeboten und ihrem Motiva-Training?

Das ist ganz einfach. Ich trainiere keine Pferde. Sie sind Muttersprachler und können ihre Sprache schon. Ich trainiere Menschen, lehre sie, die Sprache der Pferde zu verstehen und zu sprechen. Insofern habe ich mit keiner Trainingsmethode, egal wie sie heißt, etwas zu tun.

Es gibt zwar viele Trainer, die ihre Methode Pferdesprache nennen, wenn man genau hinsieht, sind es bestenfalls einige Worte aus dem Pferdebereich, niemals aber das ganze System. Das ist schade, zumal dem suchenden Pferdebesitzern glauben gemacht wird, sie würden die natürliche Sprache der Pferde lernen und sprechen, in Wirklichkeit sind es Menschengesten die Interpretiert, konditioniert und geübt werden. Die echte Pferdesprache erkennt man an zwei Dingen:

Alles das muss man bei Pferden untereinander auch sehen können. Insofern sind zum Beispiel alle Gesten mit Händen raus. (Könnten Pferde nicht nutzen)

Als zweites versteht jedes normale Pferd die eigene Sprache ohne jedes Training sofort. Es bedarf keiner Ausbildung des Tieres, jedes Pferd kann mich sofort verstehen, auch wenn wir uns niemals begegnet sind.

Pferde auf der Weide
Die Sprache der Pferde (Foto: Gertrud Pysall)

Frau Pysall, in der Regel möchte jeder Pferdebesitzer das Beste für sein Tier. Wenn er daher die Sprache der Pferde erlernen möchte, wie beginnt er sinnvollerweise und welche Voraussetzungen sollte er mitbringen?

Die einzige Voraussetzung ist sein Wunsch, diese Sprache lernen zu wollen. Mehr braucht er nicht. Ich habe Das Buch Was Pferde wollen* geschrieben und darin sind die Vokabeln, die Regeln und die Rituale geordnet erklärt und aufgezählt. Das sollte man lesen. Man muss sich klar machen, diese Sprache zu lerne ist nicht einfacher als tanzen zu lernen. Für beides reicht eine Anleitung in Büchern nicht, egal wie gut die Anleitung ist. Man muss unter Aufsicht des Lehrers üben, man braucht einen Muttersprachler als Kommunikationspartner. Also ein Pferd.

Mir wird immer wieder einmal vorgeworfen, ich würde nur Werbung für meine Kurse machen. Daran erkenne ich, wer das tut, hat das Problem nicht verstanden. Man kann so etwas nicht autodidaktisch lernen. Es ist eine langes Training und nicht etwas, was man mal eben zwischen Tür und Angel tut. Genau das unterscheidet sich eben auch von üblichen Trainings, in denen man Pferden was auch immer beibringt. Hier geht es um etwas ganz anderes.

Pferde leben in Herden und innerhalb dieser Gemeinschaft trägt ein Tier die Verantwortung, für das, was getan wird. Dieses Tier wird durch Macht und Geschicklichkeitsrituale ermittelt. Da geht es nicht immer harmlos zu. Man kennt Pferdekämpfe zur Genüge. Auch in den Kämpfen geht es meist um den Rang. Wenn wir mit dem Pferd um den Rang diskutieren, nimmt es unsere Herausforderung ernst und gibt alles. Man kann sich vorstellen, das kann nur dann gemacht werden, wenn der Mensch genau weiß, was er tut und sich nicht in gefährliche Situationen bringt. Deswegen rate ich von Alleingängen ab, bis man mehr kann. Dann aber ist es ideal, weil es zu einem zufriedenen und einfachen Umgang mit dem Pferd führt. Geht man als Entscheidungsträger aus den Ritualen hervor, dann entscheidet das Pferd sich für den Menschen als Führungskraft und es fällt ihm leicht zu gehorchen, es will dann gehorchen, will dann das tun, was wir sagen. Idealer geht es nicht.

Deswegen rate ich, sich in den Büchern das Grundwissen anzueignen und sich dann, wenn er es lernen will, in einem Kurs anzumelden, alleine geht es nicht. Man geht ja auch in die Fahrschule, um den Führerschein zu machen, da diskutiert man auch nicht um die Notwendigkeit. Leichter ist Motiva auch nicht.

Pferde
Gemeinsame Zeit (Foto: Gertrud Pysall)

Welchen Rat möchten Sie zum Schluss anderen Pferdefreunden noch mit auf den Weg geben?

Eigentlich kann man da nur folgendes raten: Bedenkt alle, die Freundschaft und das Zusammensein mit euren Pferden hat eine Art Verfallsdatum. Es kommt unweigerlich der Tag, die Zeit, wo sich alles ändert, man sich trennen muss. Die Zeit, die man jetzt hat, heute morgen, übermorgen, ist die gemeinsame Zeit. Nutzt sie, lebt mit dem Pferd, liebt euer Pferd und um mit Bodo Wartke und seinem Liebeslied zu sprechen:

"Wo immer du auch bist und welche Sprache du auch sprichst, wenn wir uns begegnen, dann lern ich sie für dich."

Das wäre mein Wunsch und auch mein Rat an die Menschen, die sagen, ich liebe mein Pferd. Viele Kursteilnehmer sagen mir, schade, dass ich das nicht eher gewusst habe. Wie viele Jahre habe ich versäumt, diese Freude zu empfinden und geben. Deswegen, Packen wir’s an!

Vielen Dank Frau Pysall, dass Sie sich trotz ihres vollen Taminkalenders die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten. Ich wünsche ihnen weiterhin alles Gute und hoffe, dass noch viele Pferdefreunde von Ihrem MOTIVA-Training profitieren.

Wer nun mehr Informationen über die interessante Arbeit von Gertrud Pysall sucht, findet diese auf ihrer Website Motiva-Pysall.


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