Mobbing im Reitstall?

Veröffentlicht in Recht & Sicherheit

Ein ernstes, unschönes und leider auch häufiges Problem

In Reitställen treffen sich die unterschiedlichsten Menschen. Allen gemeinsam ist das Interesse am Hobby Pferd. Aber wie in jeder Gesmeinschaft gibt es auch hier eine gewisse "Rangordnung", in der manche eine Möglichkeit sehen, sich vor anderen (und sich selbst) zu profilieren und aufzuwerten. Nicht selten führt dies zu Mobbing in Reitställen. Anna Lindenau erzählt uns hier von ihren Erfahrungen mit diesem Thema:

Hast Du Dich schon einmal unwohl im Stall gefühlt und bist mit einem mulmigen Gefühl zu Deinem Lieblings-Vierbeiner gefahren? Eigentlich ist es doch das wunderbarste Hobby der Welt und die schönste Art, um frische neue Energie und Kraft zu tanken - wenn es da nicht einige Personen gibt, die die Kabale, Intrige oder Quälerei irgendwie lieben und scheinbar daraus ihre Energie und Kraft ziehen.

Mobbing - was ist Mobbing und was nicht? Ist das kichern über jemanden bereits Mobbing oder erst der Härtefall, wie Bedrohungen, Anfeindungen und sexuelle Übergriffe?

Als Mobber wirst Du bezeichnet, wenn Du andere Menschen oder Lebewesen quälst, intrigierst, gemein und heimtückisch handelst.

Meiner Erfahrung nach ist es in größeren Reitställen sehr wahrscheinlich, dass es dort mindestens einen Mobbingfall gibt. Die meisten in der Reit-Gemeinschaft schauen weg („Ich bin hier, um meine Ruhe zu haben!“), der Stallbetreiber ist überfordert („Das müssen die unter sich ausmachen!“) und der Mobber mobbt ungeniert weiter, nutzt die Macht der Gruppe, manipuliert eifrig weiter und versucht, das Opfer aus der Gruppe auszustoßen. Friedliebende Zweibeiner gehen dem Konflikt meistens aus dem Weg und suchen sich dann in der Regel einen neuen Stall. Der Mobber bleibt und treibt sein Unwesen weiter, irgendwer lässt sich ja schon finden, auf den er seinen Frust und seine verdrängten Anteile lenken kann.

Spaziergang mit Pferd
Manche gehen Konflikten lieber aus dem Weg (Foto: Mignon Oschatz / Pixabay)

Während das Mobbing im Job subtiler und eher passiv aggressiv ist, habe ich hingegen im Reitsport, insbesondere als Juniorin in größeren Reitställen, ein sehr öffentliches aggressives Verhalten erlebt und gesehen.

Z.B. bemerkte ich, dass mein Pferd zeitweise sehr schreckhaft wurde und die Tür und Gitter mied. Bis ich beobachtete, wie zwei Jugendliche, die übrigens vorher schon nicht mehr mit mir geredet haben, mit der Gerte zwischen die Boxenstäbe schlugen und dabei kicherten. Äh, was ist daran lustig?

Als Juniorin hatte ich das Glück, zusätzlich zu meinem eigenen noch zwei hochklassig ausgebildete Pferde mit reiten zu dürfen. Zum Turnier hin fiel immer mehr auf, dass die Pferde, die ich abends noch um 22h eingeflochten hatte, morgens ausgeflochten waren und mein Pferd ging immer wieder lahm. Die Tierärztin konnte jedoch nichts finden. Nach 1-2 Tagen war mein Pferdchen wieder klar. Nachdem ich dann niemanden mehr erzählte, wo ich genannt hatte, hörte dies auch schlagartig auf. Meine Tierärztin vermutete, dass da jemand nachgeholfen hat in Form einer kräftigen Beugeprobe, das ist dann ja letztendlich wie eine leichte Zerrung.

Ein weiterer Punkt war, dass ich immer öfter meine Gamaschen, Putzzeug, Halfter suchte, welches plötzlich verschwand. Es gab dort auch einen Umkleideraum unter dem Dach. Als ich dort meine Reitstiefel vor dem Spind stehen ließ, um auf die Toilette zu gehen, wunderte ich mich eines Abends, dass meine Stiefel weg waren. Ich suchte und blickte aus dem Fenster: sie wurden aufs Dach geschmissen.

Aber auch bei anderen Personen habe ich leider dissoziales Verhalten sogar unter Erwachsenen (naja sagen wir mal Volljährigen) beobachten können. Es gab da einmal einen Stall, in dem lebte unter anderem ein kleines, eingeschworenes Grüppchen von drei Damen, die gefühlt den ganzen Tag am Stall waren und sich über alles und jeden breit ausgelassen haben. Eine Frau kam bei diesen Psycho-Spielchen ziemlich übel weg, sie wurde sogar in der Sattelkammer abgefangen und eingesperrt, zum Glück kam ein Hufschmied. Er bemerkte dies, schrie die beiden Frauen an, während das Opfer, bittere Tränen weinte.

Emotionen
Sticheleien und Lästereien sind schmerzhaft (Foto: Rebecca Schönbrodt-Rühl / Pixabay)

Beim Reiterball versuchten die beiden Frauen diese Frau erneut zu drangsalieren, mieden sie, grenzten sie aus, genehmigten ihr keinen Platz am Tisch und folgten ihr auf die Toilette. Gekrönt wurde dies noch, als sie herausfanden, dass die Frau schwanger wurde. Die Anfeindungen und Tratschereien wurden schlimmer und die beiden Angreiferinnen freuten sich darauf, der bald werdenden Mutter mitzuteilen, dass ihr Partner untreu ist und hofften damit ihre Beziehung zu zerstören.

Wo sind wir, dass so etwas passiert? Kennst du so etwas?

Grundsätzlich gibt es deutliche Warnzeichen in einem sich zuspitzenden Konflikt - achte unbedingt auf diese Zeichen: Person A projiziert zunehmend all ihren Frust, ihre nicht ausgelebten Werte und Wünsche auf Person B, Person B ist Schuld an allem, Person B ist die Ursache für alles, Person A beginnt zu „infozieren“ und versucht möglichst viele Personen mit in den Konflikt hinein zu ziehen („hast du schon gehört“, „findest du nicht auch“, „xxx hat schon wieder“), Person A und B können sich nicht mehr auf Augenhöhe begegnen und verlieren das Gefühl, menschlich zu sein, sie sehen in der anderen Person nur noch den Konflikt, die face-to-face Kontakte zwischen A und B nehmen ab.

Allerdings ist nicht jeder Konflikt oder jede Unstimmigkeit Mobbing. Ein Konflikt wird mit fairen Mitteln ausgetragen, Mobbing ist eine indirekte, schädigende Schikane und übrigens auch strafbar und somit strafrechtlich relevant. Es ist kein Spaß und daher wirklich ernst zu nehmen.

Damit Du weißt, ob Du dich nun in einem Konflikt befindest oder ob Du schon Teil eines Mobbing-Strudels bist, möchte ich hier mit Dir einen Schnelltest teilen, den die Mobbingexpertin Christa Kolodej entwickelt hat. Stelle dir folgende Fragen:

1.) Bin ich schikanösen Handlungen ausgesetzt?
2.) Sind diese Handlungen systemisch gegen mich gerichtet, das können z.B. unberechtigte Kritik, Unterbrechungen, Beschimpfungen und Drohungen, sein?
3.) Werde ich isoliert?
4.) Gibt es ein Machtungleichgewicht zu meinen Gunsten?

Wenn Du die Mehrheit der Fragen mit Nein beantworten kannst, dann liegt hier wahrscheinlich ein Mobbingfall vor. Neben dem Mobbing gibt es noch zusätzliche Konfliktformen, wie z.B. die Diskriminierung, Benachteiligung, Gewalt sowie die sexuelle Belästigung.

Für Reitstallbetreiber gilt übrigens dasselbe, wie für Führungskräfte: wo eine schwache Führungskraft ist, gibt es Mobbing und schwere Konfliktfälle. Dissoziales Verhalten einzelner Personen im Team oder im Stall ist nicht zu tolerieren. Niemals und ohne Ausnahme. Ein fauler Apfel im Korb lässt den ganzen Korb knackiger Äpfel rundum verderben.

Der Reitstallbetreiber ist dafür verantwortlich, dass in der Gemeinschaft gewisse Werte und Manieren gelebt werden und er sollte sich tunlichst von „Stinkern“ trennen. Sie vergiften die ganze Atmosphäre und sorgen nicht nur finanziell für Schaden und Unruhe. Sorge für Ruhe und eine friedliche Atmosphäre in deinem Stall und in deiner Gemeinschaft.

Reitstall
Stallbetreiber dürfen Mobbing nicht einfach ignorieren (Foto: JamesDeMers / Pixabay)

Falls Du von dieser Thematik selber betroffen bist, suche Dir unbedingt Unterstützung. Baue Dir ein Netzwerk auf und versuche nicht alleine zu sein, wechsle ggf. den Stall, mach das, was Du siehst und Dir wiederfährt unbedingt öffentlich, so dass es für die Gemeinschaft transparent ist. In einer gewissen Stufe der Eskalation kann auch eine ausgebildete neutrale Person von außen im Konflikt vermitteln und gesunde Umgangsformen mit beiden Parteien verhandeln.

Gehe zu einem gut ausgebildeten Konflikt-Coach oder einer Therapeutin, die Dich in Deinem Selbstwert stärkt und deine Ressourcen aktiviert, damit Du Dich keinesfalls in Dein Schneckenhaus zurück ziehst. Versuche bitte nicht, alles alleine zu regeln und verbinde Dich so schnell es geht mit Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft.

Übrigens gelten diese Kriterien nicht nur für Zweibeiner, sondern auch für Vierbeiner. Schikanöse Handlungen im Umgang mit dem Pferd sind übrigens auch eine Art von Mobbing. Du kannst auch hier den Schnelltest machen, falls Du Ausbilder oder Reiter dabei beobachtest, wie sie das Pferd schikanieren. Auch das ist strafbar und relevant für den Tierschutz.

Ich hoffe dieser kleine Artikel hat Dir geholfen, Konflikte und ihr Ausmaß einschätzen zu können. Hast Du schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt oder gesehen? Oder bist Du selbst verstrickt in einem Konflikt und weißt nicht, wie Du da heraus kommen kannst? Dann schreibe mir doch gerne unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Über Anna Lindenau

Als passionierte Reiterin ist Anna seit dem 6. Lebensjahr auf dem Pferderücken zu Hause. Von ihren vierbeinigen Partnern durfte sie in den letzten 30 Jahren so einiges lernen. Die Themen Mindfulness, Stil, Ethik, Etikette, Achtsamkeit, Konfliktbeilegung, Disziplin sowie körperliche als auch seelische Resilienz sind Anna nicht nur im privaten wichtig, sondern haben auch ihren beruflichen Weg geprägt.


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