Die Prägunsphase beim Fohlen

Veröffentlicht in Pferdezucht

Imprinting – Top oder Flop?

Die Geburt eines Fohlens ist immer ein besonderes Ereignis, sowohl für Pferd als auch Mensch. Nach einer in der Regel 315 bis 350 Tage andauernden Tragezeit der Mutterstute erblickt das Fohlen endlich das Licht der Welt – und das hoffentlich vollkommen gesund! Bereits kurz nach der Geburt können junge Pferde dann schon der Mutter folgen und ihre Sinne sind bereits voll entwickelt. Dies macht sich so mancher Züchter zu Nutze.

Die Minuten nach der Geburt sowie die ersten Lebenstage des Fohlens gelten als eine kritische Lernphase, in welcher die Beziehung zum Menschen sowie seine Persönlichkeit nachhaltig beeinflusst werden kann. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff „Imprinting". Hierbei handelt es sich um eine Prägungsmethode, bei der das neugeborene Fohlen unmittelbar nach der Geburt einem praxisorientierten Training unterzogen wird. Dieses Konzept wurde in den 60er Jahren vom kalifornischen Tierarzt und Pferdezüchter Dr. Robert M. Miller entwickelt, gilt aber bis heute als stark umstritten. Wieso? Das erfährst du hier!

Fohlen
Auf dem Weg in eine neues Leben (Foto: Ines Meier / Adobe Stock)

Ursprung der Imprinting-Methode

Begründet liegt der Ursprung der Imprinting-Methode in der Tatsache, dass ein Fohlen bei der Geburt keine Angst vor anderen Lebewesen empfindet und so bis zu einem gewissen Grad vom Menschen geprägt werden kann. Nach diesem kurzen Zeitfenster entwickelt das Fohlen die für junge Pferde typische Scheu – misstrauisch gegenüber Veränderungen in seiner Umgebung, vorsichtig gegenüber neuen Erfahrungen oder unbekannten Situationen. Das bedeutet auch, dass es sich bei dem vermeintlich vorteilhaftesten Moment für die nachhaltige Prägung des Fohlens um die Zeit kurz nach der Geburt handelt. Hier kann der Pferdebesitzer gezielt kontrollieren, mit welchen Reizen und Gegebenheiten das Fohlen konfrontiert wird.

Dies können beispielsweise folgende Erfahrungen sein: Geruch, Berührung und Aussehen von Menschen, Handhabung der Hufe und Beine, deren Pflege, Berührungen an der Kuppe und unter dem Schweif, Handhabung von Mund und Ohren. Es liegt auf der Hand, dass solche Übungen die Toleranz des Fohlens gegenüber Geräuschen, Gegenständen und Berührungen in den ersten Jahren der Ausbildung steigern soll. Laut Miller wird das Jungtier desensibilisiert und auf den Imprinting-Trainer geprägt; es unterwirft sich dem Menschen, entwickelt jedoch keine von Angst stimulierten Emotionen.

Die typische Imprinting-Ausbildung erfolgt in mehreren Etappen. Der erste Imprinting-Kontakt wird durchgeführt, noch bevor das Fohlen aufsteht, um bei der Mutterstute zu trinken. Hierzu zählt u.a. die Berührung des Körpers mit einem Handtuch, das Klopfen auf die Hufe oder gar das laute Rascheln mit verschiedenen Gegenständen. Weitere Übungen werden nach dem ersten Stillen unternommen. Obwohl die Methode zunächst als sinnvoll erscheint und angeblich den späteren Umgang mit dem Pferd erleichtert, gibt es zahlreiche wissenschaftlich Studien, die sich mit dem Imprinting beschäftigen und durchaus davon abraten.

Gesundheitliche Aspekte

Die Aufnahme von Muttermilch, welche jedoch einen hohen gesundheitlichen Stellenwert für den Aufbau eines gesunden Immunsystems hat, wird dem Fohlen zunächst verweigert. Die Mutterstute hingegen benötigt nach der Geburt das Hormon Oxytocin. Es trägt zur Bindung zwischen Stute und Fohlen bei sowie zur gesunden Rückbildung der Geburtswege und wird ausgeschüttet, wenn das Fohlen nach der Geburt erstmalig die Muttermilch aufnimmt (Castronovo, 2018). Darüber hinaus entspricht das Imprinting-Training keineswegs dem natürlichen Prägeverhalten von Pferden, zumal langfristige positive Folgen kaum nachgewiesen wurden und das Fohlen massivem Stress ausgesetzt ist.

Bei einem unmittelbaren Vergleich zwischen Fohlen, die nach der Geburt der Imprinting-Methode ausgesetzt waren und Fohlen, die kein solches Training erfahren haben, konnten in Bezug auf ihre Reaktion gegenüber Trainingsreizen nur in den ersten zwei Monaten Unterschiede aufgezeichnet werden, während ab dem dritten Monat keinerlei Verhaltensdiskrepanz mehr sichtbar waren (Simpson et al., 2002).

Stute mit Fohlen
Fohlen orientieren sich an ihrer Mutter (Foto: callips088 / Adobe Stock)

Fazit

Imprinting – Top oder Flop? Ein Fazit dazu ist schwierig. Diese Trainingsmethode bei jungen Tieren birgt sowohl Vorteile als auch Risiken. Den wichtigsten Faktor sollte man allerdings nie vernachlässigen: die Menschenbezogenheit des Fohlens hängt maßgeblich von der Reaktion der Mutterstute gegenüber dem Menschen ab. Das heißt, verhält sie sich ruhig und gelassen in Gegenwart des Menschen, so wird sich das Fohlen dieses Verhalten auf natürliche Weise aneignen. Jeder Züchter sollte sich daher gut überlegen, wie er mit dem neugeborenen Fohlen umgeht.


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