Das Senner Pferd

Veröffentlicht in Pferdezucht

Eine der ältesten bekannten Pferderassen Deutschlands

Auf der von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Nutztierrassen (GEH) und der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung herausgegebenen "Roten Liste gefährdeter Nutztierrassen" stehen die Senner Pferde als "extrem gefährdet". Dabei gelten sie als eine der ältesten bekannten Pferderassen Deutschlands, die jahrhundertelang Senne und Teutoburger Wald durchstreiften. Damit sie nicht ganz ausstarben, nahm sich Karl-Ludwig Lackner vor rund 30 Jahren ihrer an, züchtete sie weiter und setzt sich seither für die Rückkehr der Senner in ihre alte Heimat ein. Mehr über die Senner Pferde erzählt er uns im folgenden Beitrag:

Herkunft und Zuchtgeschichte

Senner Pferde lebten über Jahrhunderte frei in der Senne und im Teutoburger Wald, wo sie den intakten Naturraum und dessen Wahrnehmung durch die Menschen prägten. Der Legende nach sind sie Nachfahren der Römerpferde, die in der Schlacht am Teutoburger Wald entlaufen sind. Urkundlich erwähnt wird das Senner Pferd erstmals 1160, als Bernhard zu Lippe, Bischof von Paderborn, dem Kloster Hardehausen ein Feld und gleichzeitig den dritten Teil seiner ungezähmten Stuten schenkt. Damit gelten die Senner als eine der ältesten bekannten Pferderassen Deutschlands.

Senner Fohlen
Wichtig für den Fortbestand der Senner: Die Zucht (Foto: Karl-Ludwig Lackner)

Im Jahr 1493 lässt die Frau von Graf Bernhard VII zur Lippe die wilden Pferde zählen und nach Jahrgang und Haarfarbe sortieren. Damals waren es 64 Tiere, 23 Mutterstuten und 18 Fohlen. 1541 wird erstmals der Begriff "Sende" in einem Dankesschreiben erwähnt, der in Anlehnung an die Landschaftsbezeichnung Senne, dem Heidegebiet zwischen Bielefeld und Paderborn, benutzt wird. Im 16. Jahrhundert wurden erste Gestütsgebäude bei Lopshorn in der Senne errichtet, wo später das Jagdschloss Lopshorn entsteht. Es diente der verhältnismäßigen kontrollierten Zucht und Bestandsüberwachung der Senner Pferde.

Als 1706 erste genaue Aufzeichnungen über die Zucht erstellt wurden, waren dies die Vorläufer des bis heute noch existierenden Gestütsregisters, durch die sich die Abstammung der Senner zurückverfolgen lässt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts kreuzte man Hengste ausländischer Herkunft ein, welche meist edle Pferde aus Spanien oder orientalischer Abstammung waren. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Tiere ganzjährig in der Wildbahn gehalten, danach durften die Senner nicht mehr im Freien überwintern und ihr Lebensraum wurde Stück für Stück begrenzt. Somit entfielen die Grundbedingungen für ihre körperliche und charakterliche Sonderstellung.

Moderne wissenschaftliche Methoden können dieses zwar nicht bestätigen, aber die Dissertation von Dr. Jansen brachte 2002 Erstaunliches zutage. An Hand von mütterlicher DNA (mtDNA) konnte Dr. Jansen nachweisen, dass die Senner keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen europäischen Pferderassen haben. In einer amerikanischen Untersuchung wurde die von Jansen festgestellte Gensequenz der Senner bei Nachkommen einer Vollblutaraber Stute festgestellt, die 1874 aus Arabien über England nach Amerika entführt wurde. Ob es sich bei den Sennern um entlaufene Pferde der Varusschlacht handelt, oder ob sie durch die Kreuzzüge in die Senne gelangten, wird aber sicherlich nie ganz geklärt werden können.

Von den ehemaligen Gestüten hielt sich, verglichen mit der damaligen Form, bis heute nur die Dülmener Wildbahn, während der Senner unter den kargen Bedingungen der Waldweide schon im Mittelalter zu einer Kulturrasse des Lippischen Fürstenhauses weiterentwickelt wurde. Die Senner Population war nie sehr groß (ca. 40 Zuchtstuten im landjährigen Mittel). Zum einen, weil die etwa 20.000 ha Sennefläche nur eine begrenzte Anzahl Pferde zuließ und zum anderen, weil aus dieser Rasse in dem Fürstlichen Gestüt Lopshorn im Wesentlichen der Bedarf an Reit- und Wagenpferden für den herrschaftlichen Marstall in Detmold remontiert wurde.

Senner Reitpferd
Beliebtes Reitpferd: Der Senner (Foto: Flöttmann)

Im Mittelalter waren die Senner als Reitpferde sehr geschätzt und begehrt. Darüber hinaus wurden die Hengste dieser Rasse in anderen Gestüten und Landgestüten gerne zur Zucht eingesetzt. So verwendete das königliche Gestüt Weil in Baden-Württemberg Senner-Hengste, ebenso die Landgestüte in Dillenburg, Celle und Warendorf. Während im ausgehenden Mittelalter bis zum barocken Zeitalter neben den Hengsten aus eigenem Stamm in erster Linie spanische und andalusische Pferde als Deckhengste eingesetzt wurden, erfolgte ab Ende des 17. Jahrhunderts der erste Einsatz von Arabischen Vollblütern. Bis in die heutige Zeit betonte die Kombination des Arabischen Vollblutes und -seit Ende des 18. Jahrhundert- des Englischen Vollblutes den Typ der Senner-Rasse.

Obwohl sich die in der Senne gezogenen Hengste in der Regel besser vererbten als die importierten Hengste, kamen wegen der geringen Populationsgröße nicht nur Hengste aus der eigenen Zucht zum Einsatz. Die karge Aufzucht auf dem Heidesand wirkte als Selektionsmerkmal positiv bei der teilweise recht engen Linienzucht des Senner-Pferdes. Die Senner ließen sich auf vier Stammstuten zurückführen, von denen nach 1945 nur noch Nachkommen der Stammstute David (geb. 1725) bekannt waren. Nachkommen der Stammstute Stallmeister (geb. 1728) wurden 1945 von der russischen Armee requiriert und blieben über Jahrzehnte verschollen. Im Jahre 2010 gelang es, eine Stute dieser Linie zurückzukaufen, die inzwischen für den Erhalt dieser Linie sorgt.

Bis zur Enteignung des Fürsten zur Lippe in Detmold im Jahre 1919 betrieben die lippischen Landesherren die Sennerzucht mit wechselndem Engagement, wobei eine deutliche Reduzierung des Pferdebestandes ab etwa 1870 erfolgte. Von 1919 bis 1935 ließ der Lippische Staat das ihm übertragene Kulturgut durch den Verband Lippischer Pferdezüchter weiter betreiben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Lippe wurde das Gestüt aufgelöst, allerdings durch Privatinitiative der Holländerin J.M.Immink bis 1947 in kleinem Umfang fortgeführt.

Mit den wenigen noch vorhandenen Sennern begann ich 1971 die Zucht wieder aufzubauen. Durch Initiative von Mathias Vogt wurden die Senner 1993 in die World Watch List für bedrohte Haustierrassen der FAO aufgenommen. Nach kurzer Zeit der Betreuung der Zucht durch das Westfälische Pferdestammbuch wurde 2006 der Zuchtverband für Senner Pferde e.V. gegründet, welcher die Ursprungszucht für die Senner führt. Seit 1999 werden in einem Projekt einige Senner Wallache und Stuten für die Beweidung von Grasflächen des Naturschutzgebiets Moosheide in der Senne zum Erhalt der Landschaftsform eingesetzt.

Senner im Reitsport
Senner findet man sowohl im Vielseitigkeits- und Springsport als auch im Freizeitsport (Foto: Karl-Ludwig Lackner)

Merkmale und Eigenschaften

Das Senner Pferd ist ein leichtes, elegantes und mittelgroßes Warmblutpferd im Typ des Anglo-Arabers. Sein Stockmaß liegt zwischen 158 und 167 cm und er ist robust und langlebig. Sein Exterieur weist einen ausgeprägten langen Widerrist, lange Linien und ein trockenes und korrektes Fundament auf. Sein Bewegungsablauf ist taktmäßig, raumgreifend mit ausreichend Schub aus der Hinterhand. Weiterhin zeichnet es sich durch eine bemerkenswerte Fruchtbarkeit aus. Zur Zeit herrschen Braune vor, doch alle sind Farben möglich. Als ursprüngliche Merkmale des Senner Pferdes gelten ein gelegentlich auftretender Aalstrich und eine erkennbare Zebrierung an den Beinen der Fohlen. Eingesetzt werden die Tiere vor allem im Vielseitigkeits- und Springsport sowie im Freizeitsport.

Aktuelle Situation

Seit dem Zusammenschluss interessierter Züchter zu einem eigenständigen Zuchtverband für die Senner und die Einbindung des LWL Freilichtmuseum in Detmold sowie des Landesverbandes Lippe in die Zucht haben sich die Bestandszahlen mit einem leichten, aber kontinuierlichen Anstieg gefestigt. Aktuell (2019) stehen der Zucht bei einer Gesamtzahl von wenigerals 60 Sennern 36 Stuten und 22 Hengste zur Verfügung. Dies bedeutet, dass die Nachfrage nach gut ausgebildeten Sennern als vielseitige Reitpferde schon seit Jahren nicht gedeckt werden kann. Somit besteht hier noch viel Potential für engagierte Züchter und auch Ausbilder.

Weitere ausführliche Informationen zum Senner Pferd findest du auf der Wesite des Zuchtverbandes für Senner und Beberbecker Pferde.

Autor: Karl-Ludwig Lackner und GEH


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