Faszien – Wunderwerke der Natur

Veröffentlicht in Pferdegesundheit

Ein Beitrag von Pferdeosteopathin Susan Tenhaeff

„Wenn man mit Faszien arbeitet - geht es zum Gehirn des Pferdes", das sagte einmal Andrew Taylor Still, ein Pionier in der Medizin und Begründer der Osteopathie. In der Tat sind Faszien nicht nur unglaublich faszinierend, sondern zudem wahnsinnig wichtig für das Pferd und seine Beweglichkeit. Das erlebt auch Susan Tenhaeff täglich bei ihrer Arbeit, denn seit vielen Jahren ist sie als Horse Woman unterwegs.

Angefangen als Trainerin für Pferd und Reiter nach biomechanischen Grundsätzen hat sie sich mittlerweile einen Namen als Pferdeosteopathin und Seminarleiterin gemacht. Die ruhige und immer faire Art mit Pferden umzugehen zeichnen ihre Arbeit aus. Auf Touren durch ganz Deutschland behandelt sie Sport- und Freizeitpferde osteopathisch. Ihr besonderes Steckenpferd sind die Faszien: zu diesem Thema bietet sie auch bundesweit Seminare an und gibt uns im folgenden Beitrag interessante Informationen zu diesem Thema:

Horse Woman Susan Tenhaeff
Pferdeosteopathin Susan Tenhaeff (Foto: Susan Tenhaeff)

Was sind Faszien überhaupt?

Der Begriff Faszie wird tatsächlich erst seit 2007 offiziell verwendet, da damals in Boston der erste Kongress zu diesem Thema stattfand. Es bezeichnet seitdem die Weichteilkomponenten des sogenannten Bindegewebes. Aber auch der Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Still sprach 1878 bereits von myofaszialen (Muskel-Faszien-) Ketten und einem Bodysuit (Körperanzug), deren Verspannungen zu Krankheiten führen können.

Die Faszien sind ein Gewebe überall im Körper. Sie sitzen direkt unter der Haut, umhüllen die Muskeln, Sehnen und Organe und spielen eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit. Vereinfacht gesagt sind Faszien die „Haltesysteme“ des Körpers. Sie brauchen zwei Jahre, um sich zu ersetzen und neue Faszien haben immer eine andere Form als vorher. Dagegen sagt man, dass die Muskulatur durch 8 Wochen Training aufgebaut werden kann. Faszien sind energieeffizient - sie halten beispielsweise Wasser, ohne Energie zu benötigen. Unsere ganz eigene Körperhaltung entsteht durch die konstante Spannung der Faszien, und das im Gegensatz zum Muskel ohne Energie zu verbrauchen.

Faszien gibt es in vielen Formen:

- Kollagen
- Gelenk- und Organkapseln
- Bänder
- Muskelhüllen
- Nerven- und Gefäßhüllen
- Bauchfell
- Herzbeutel, Herzgewebeschicht, Innenwand des Herzens
- Gewebsraum der Brusthöhle
- Faszienspanner der Hirnhäute

Die Funktion der Faszien:

- Sie geben dem Körper die äußere Form
- Sie umhüllen und trennen Strukturen
- Sie ermöglichen die Gleitfähigkeit der Strukturen untereinander
- Sie verbinden Strukturen und Gewebe miteinander
- Sie sind die Aufhängung der Organe, deren Stabilität und Mobilität im Körper

Eine weitere wichtige Funktion der Faszien ist die des Sinnesorgans, denn durch die Faszien verlaufen Nerven und Rezeptoren, so dass Empfindungen und Reize durch die Faszien ans Gehirn weitergeleitet werden. In der Thoracolumbalen Faszie sind auch viele Schmerzrezeptoren.

Form der Faszien

Tensegrity (Tension und Integrity) ist ein englisches Kofferwort aus tension (Zugspannung) und integrity (Ganzheit, Zusammenhalt). Faszien bestehen aus Stäben (extrazelluläre Matrix) und Zellen (Anteil der Zellen liegt bei nur 10%) Die Zellen nennt man Fibroblasten. Die Tensegrity (Zugspannung) macht solche Systeme sowohl stabil als auch dynamisch.

Welche großen Faszien gibt es beim Pferd?

Einer der wichtigsten Faszien beim Pferd ist die Faszie Thoracolumbalis. Hier zeigen sich Verspannungen der Rückenmuskulatur, die durch schlecht sitzende Sättel, Reitweise oder Stress entstehen können. Weitere Faszien beim Pferd sind:

Faszie - Hals
Faszie - Glutealis
Faszie - Biceps Femoris
Faszie - Abdomen
Faszie - Intercostalis
Faszie - Kurzen Nackenstrecker (verbinden Atlas und Axis)
Faszie - Kopf-Arm-Muskel (Vorhand craniale Phase) - Unterhals
Faszie - Schultermuskulatur - Schulterfreiheit
Faszie - Gurtlage
Faszie - Nackenband - Ligamentum nuchae
Faszie - Rückenband - Ligamentum supra spinale

Der Aufbau der Faszien

Faszien bestehen aus Protein und Wasser. Besonders wichtig sind die Fibroblasten (Fibrozyten, Myofibroblasten), denn sie bilden unter anderem Kollagen, Hyaloron, Elastin, ATP und Glykosaminglykose alles wichtige Stoffe für Gelenke, Sehnen und Muskeln.

Wo entstehen Faszienverspannungen und warum?

1. Sattellage - Verspannungen durch schlecht sitzenden Sattel - Thoracolumbale Faszie
2. Reitweise - Hals- und Kopfmuskulatur - kurze Nackenstrecker - Seitwärtsstrecker - Halsfaszie
3. Verletzungen - Verspannungen – beispielsweise Glutealfaszie
4. Stress

Faszienbehandlung beim Pferd
Faszienbehandlung beim Pferd (Foto: Susan Tenhaeff)

Was bewirken Faszientechniken?

Faszientechniken halten die Faszien in Bewegung. Durch langsame, tiefe Bewegungen in Form von Dehnen, Streichen und Verschiebungen wird die Flüssigkeit aus dem Gewebe gepresst. Beim Zurückgleiten saugt sich das Gewebe ähnlich eines Schwammes wieder voll. Dadurch wird der Stoffwechsel angeregt. Mit Hilfe von Massage und Bewegung werden die Kollagenfasern neu ausgerichtet und die Fibroplasten produzieren neue Stoffe. So können die Faszien wieder besser gleiten.

Entspannung und Dehnung tragen daher zur Linderung von Schmerzen bei und wenn man das Gewebe mobilisiert, kann man auch verklemmte Nerven wieder frei bekommen. Faszien brauchen regelmäßige Stimulation, denn durch zu wenig Bewegung verkleben die Faszien - dies bedeutet Schmerzen. Auch lagert das fasziale Gewebe Schlacken und Giftstoffe ein, wodurch ebenfalls Verspannungen und Schmerzen entstehen können, denn Faszien bilden eine Leitstruktur für Gefäße, Lymphbahnen und Nerven.

Faszien brauchen also möglichst viele harmonische und unterschiedliche Bewegungen, um funktionstüchtig zu bleiben. Aber auch ein zu hohes Säureniveau im Körper ist nicht gerade förderlich für sie. Beim Pferd kann das z.B. durch zu viel Kraftfutter in Kombination mit zu wenig Bewegung entstehen. Die Ernährung spielt also ebenfalls eine wichtige Rolle. Insgesamt beeinfussen Faszientechniken sowohl Muskulatur, Bewegung und Haltung als auch Schmerzempfinden.

Ziel der myofaszialen Therapie ist es, Verklebungen, Verspannungen oder Verhärtungen des Gewebes zu lösen, damit es in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren und das Gleichgewicht im faszialen Netzwerk wieder herstellen kann. Durch Faszienpalpation (Tasten) werden myofasziale Spannungsveränderungen, Verdrehungen und Störungen in den Körpersegmenten wahrgenommen. Daraufhin werden gezielt manuelle Techniken angewendet. Die Beweglichkeit und Verschiebbarkeit des Bindegewebes wird verbessert, Gelenke werden entlastet, blockierte Gelenke lösen sich und stereotype Bewegungsmuster werden aufgelöst. Geeignet sind Faszientechniken für:

- Erkrankungen des Bewegungsapparates
- Chronische Schmerzzustände
- Störungen des Nervensystems
- Organerkrankungen
- Rehabilitation nach Krankheit oder Unfall
- Stresssituationen

Gut trainierte Faszien ermöglichen eine erhöhte Leistungsfähigkeit, präventiven Schutz vor Verletzungen sowie einen schnelleren Heilungsprozess. Und das Beste: Faszien sind trainierbar!


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