Merksätze zum Buch „Der Pferd der hat 3 Beiner“

In seinem Buch „Der Pferd der hat 3 Beiner“ hat Jürgen Grande von Minimal Horsemanship an den Schluss ein paar Merksätze gestellt, die bei einigen Lesern, wie er inzwischen weiß, nicht ganz oder sogar falsch verstanden worden sind. Hier möchte er nun etwas mehr Klarheit schaffen und erklärt die Merksätze noch einmal etwas ausführlicher:

„Die Natur zeigt die Wahrheit – Die Natur kennt keinen Luxus“

Den einzigen Luxus, den sich die Natur gönnt, ist das blinde Experimentieren. In der Evolution sind schon so manche Fehlentwicklungen aber sehr schnell wieder verschwunden. Manche Spezies entwickelt sich dagegen zum Erfolgsmodell und alles an ihr hat seinen Sinn, auch wenn sie hie und da pompös oder bizarr daherkommt. Funktionalität steht dennoch an erster Stelle.

Das moderne Pferd ist so ein Erfolgsmodell. So wie wir es heute vor uns haben, ist es das Ergebnis der Anpassung an überwiegend karge und offene Landschaften. Ernährung, Sozialverhalten und Sinnesleistung sind optimal auf diese Lebensweise ausgerichtet.

Auch wenn wir heute den Pferden für spezielle Aufgaben so manches anzüchten und antrainieren, gleichen sie genetisch und verhaltensbiologisch im wesentlichen ihren frei lebenden Geschwistern. Nichts an ihnen ist vom Ursprung her falsch, unvollkommen oder unnütz. Man muss erst einmal nichts wegnehmen oder hinzufügen, und wenn das doch gemacht wird, dann ist das künstlich und führt nicht selten zu Fehlfunktionen. An Pferden wird viel zu viel rumgemurkst und deren Natur missachtet.

„Pferdezeit ist nicht gleich Menschenzeit – Die Domäne des Menschen ist die Abstraktion, die des Pferdes die Konkretheit“

Das menschliche Zeitempfinden ist stark quantitativ ausgerichtet dank der modernen Welt, in der wir leben (müssen). Zeit wird von uns präzise gemessen, und die Evolution hat es uns ermöglicht, unser Leben auch in nicht unmittelbarer Zukunft zu planen. Dazu müssen wir fähig sein, den aktuellen Status richtig einzuschätzen, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und somit die nächsten und übernächsten Schritte sinnvoll zu gestalten. Diese Fähigkeit verleiht uns ein beträchtliches Maß an Abstraktionsvermögen, also das von konkreten Gegenständen, Vorgängen und Zuständen losgelöste Denken und Handeln, die phantasievolle Gedankenwelt.

Pferde leben dagegen im Hier und Jetzt. Wenn sich keine besonderen Vorkommnisse ereignen, sind für sie, überspitzt gesagt, drei Stunden gefühlt das Gleiche wie drei Minuten. Selbstverständlich haben Pferde auch ein Erinnerungsvermögen, und das nicht zu knapp. Ihr Ortsgedächtnis ist frappierend. Ebenso sind gute wie schlechte Erlebnisse bei ihnen gespeichert. Das alles wird jedoch nicht intellektuell verarbeitet, sondern situationsbezogen abgerufen. Das gilt auch für die oft beobachteten scheinbar vorab geplanten Handlungen, wie beispielsweise aus dem Stall ausbrechen oder das Einfordern von Futter zu bestimmten Uhrzeiten und so weiter, denn hier handelt es sich lediglich um erlerntes, stereotypisches Verhalten. Ihre Vergangenheit ist also nur der Speicher aller Erlebnisse, die einzeln und unabhängig voneinander abgerufen werden, wenn die Gelegenheit es erfordert. Pferde können also Vergangenes empfinden, jedoch nicht in der Vergangenheit schwelgen. Vorschau in die Zukunft ist ihnen sehr wohl möglich, allerdings ist die Zeitspanne eher kurz bemessen, abhängig vom jeweiligen Bedürfnis. Pferde machen an Ostern keine Pläne, wo sie zu Weihnachten weiden werden.

Ihr gutes Gedächtnis macht uns die Pferde zu optimalen Schülern. Wenn alles gut läuft, können wir bei ihnen nicht nur sinnvolle Einzelaktionen abrufen, die wir ihnen vorher antrainiert haben, sondern auch dafür sorgen, dass sie lernen zu lernen. Letzteres ist dann tatsächlich schon so etwas wie abstraktes Denken, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Leider verlaufen Training und Ausbildung des Pferdes oft in die falsche Richtung, weil Menschen dabei gerne ihr eigenes Zeitempfinden und ihr hohes Abstraktionsvermögen auf das Pferd projizieren. Sich in die Gedankenwelt und das Zeitempfinden des Pferdes hineinzudenken und hineinzufühlen, ist aber eine der wichtigsten Zutaten für guten Umgang mit ihm.

„Versuche stets zu verstehen, was dein Pferd dir mitteilen will“

Pferde lügen nicht, wie Mark Rashid schon mal sehr treffend äußerte. Das Pferd hat immer recht, so heißt es bei den Nevzorovs.
Hinterhältigkeit, Verschlagenheit, Lüge, Bösartigkeit und ähnliches kennen und können Pferde nicht. Dazu fehlt ihnen die menschliche Fähigkeit zur Abstraktion. Alles was Pferde tun, ist für sie im Kern wertfrei und unmittelbar, ob es nun Erlerntes oder Ausdruck einer emotionalen Situation ist. Sogenannte Untugenden oder Fehler sind nur in unseren Augen solche, für das Pferd ist es stets die passende, richtige Verhaltensweise, denn es unterscheidet nicht zwischen gut und schlecht, lieb und böse. Wenn ein Pferd Unerwünschtes liefert, dann ist es ihm unbewusst, unbeabsichtigt und oft schleichend vom Menschen antrainiert worden. Ohne Pferde richtig zu lesen geht nichts voran.

„Denke eigenständig, aber vernünftig“ – „Vermutungen sind die Arschlöcher des Wissens“

Über das Thema Wissen habe ich mich in meinem Buch ausführlich geäußert, deswegen hier nur das Wichtigste in Kurzform.

Wissenschaft allein bringt nicht die volle Erkenntnis, ist aber dennoch sehr hilfreich, um sich einen klaren Blick auf die Dinge zu bewahren. Wenn dann noch Intuition, Erfahrung und gesunder Menschenverstand, der diese Bezeichnung verdient, hinzukommen, wird die Wahrscheinlichkeit von validen, brauchbaren Ergebnissen deutlich zunehmen. Absolute Wahrheit gibt es nicht.

Vermutungen und Spekulationen gedeihen dagegen auf Unwissen, Halbwissen, Gerüchten und Propaganda. Oft ist da stalltypische Gruppendynamik im Spiel.

„Der natürliche Zustand der Welt ist die Asymmetrie“ – „Jegliche Maßnahme des Gerademachens erzeugt lediglich eine gerade Schiefe“

Wir sind physikalischen Kräften ausgesetzt, die alles verändern, umgestalten und deformieren. Alles fließt, wie es in der fernöstlichen Philosophie so treffend heißt, und dass dabei irgendeine Entität, zum Beispiel ein Körper, entstehen könnte, die dauerhaft symmetrische Eigenschaften hätte, wäre wundersam.

Auch wir Lebewesen sind den erwähnten Kräften permanent ausgesetzt, insbesondere der Schwerkraft und der Coriolis-Kraft, und es ist nicht nur der ganze Körper, sondern es sind auch dessen Einzelkomponenten von Asymmetrie gekennzeichnet. Bewirkt dies aber Einschränkungen in der Lebensfähigkeit? – Offenbar nein. Außer in den Fällen krankhafter Deformation, sind Lebewesen dank der Evolution trotzdem optimal an ihre Umwelt angepasst. Menschliche Defizite gehen meist auf zivilisatorische Lebensweisen zurück, sind also kein Gegenargument.

In der Pferdeindustrie, um wieder auf unser Hauptthema zurückzukommen, ist das Streben nach Schönheit, Glanz und Ebenmaß weit verbreitet. Ob Körperbau, Fell oder Hufe, alles muss gerade und hübsch sein. Statt das Augenmerk auf Funktionalität zu richten, wird rumgeschnippelt und rumgemacht, dass man sich nur noch die Augen reibt vor Staunen. Natürliche Schiefe gilt prinzipiell als ein großes Manko, das ausgemerzt werden muss.

Schadet dieses Gerademachen aber nicht mehr als es nützt? Irgendwie erinnert mich das alles an Schönheits-OPs, die bekanntlich nicht immer zu ansehnlichen Ergebnissen führen. Und dennoch geben sich Tierärzte und Therapeuten die Klinke in die Hand und die Besitzer greifen bereitwillig tief in die Tasche. Wer möchte schon ein unansehnliches Pferd im Stall haben?

Selbstverständlich kann ich durch geeignete gymnastische Maßnahmen ein Pferd irgendwie gerade erscheinend machen. Aber ist es dann wirklich nicht mehr ungerade? Ich versuche das an einem zugegeben etwas krummen Beispiel zu illustrieren. Sollte es mir gelingen, eine Banane gerade zu biegen, dann ist das Ergebnis zwar optisch eine gerade Banane, strukturell bleibt sie aber innerlich krumm, allerdings verzerrt. Das ist das, was ich eine „gerade Schiefe“ nenne, ein künstlicher Versymmetrisierungversuch, der lediglich äußeren ästhetischen Wert hat.

„Alles was im Gesicht des Pferdes ist, bringt das Pferd aus dem Gleichgewicht“

Ich lehne Gebisse komplett ab, verwende allerdings diverse Halfter, insbesondere wenn ich ein fremdes Pferd die ersten Male in Händen habe. Bei längerer Beziehung gehe ich nach und nach dazu über, nur noch das Halsband zu verwenden, auch beim Reiten.
Grund dafür ist mein (zugegeben persönlicher, intuitiver) Eindruck, dass Pferde sich behindert oder gestört fühlen, wenn sich etwas in ihrem Gesicht befindet, das dann zudem auch noch Druck durch die Reiterhand erfährt. Pferde, die nur mit Halsband trainiert und geritten werden, machen einen irgendwie befreiten, zufriedenen Eindruck auf mich. Sie bewegen sich auch anders, Hals und Kopf schwingen vermehrt balancierend mit. Den Einwand, ohne Gebisse oder Halfter könne man ein Pferd nicht kontrollieren, lasse ich nicht gelten. Es geht ja nicht um Kontrolle, sondern um Vertrauen und Verstehen. Wenn das klappt, ist jedes Hilfsmittel im Gesicht des Pferdes von da an überflüssig.

„Liefere die Überschriften, und das Pferd kümmert sich um das Kleingedruckte“

Von den gängigen Alpha- und Dominanztheorien halte ich bekanntermaßen nicht viel. Dennoch ist klar: Ich muss dem Pferd meine Wünsche vermitteln, sonst läuft der Ritt oder das Training aus dem Ruder. In der klassischen (historisch gesehen militärischen) Reiterei ist permanent vom Gehorsam des Pferdes die Rede, der erstens durch den vermeintlich höheren Rang des Reiters und zweitens durch die Kontrolle jeglicher Bewegung des Pferdes hergestellt werden solle. Dem äußeren Schein nach funktioniert das auch. Aber welchen Preis zahlt das Pferd dabei, körperlich als auch mental?

Mein Minimal Horsemanship ist stark angelehnt an die Philosophie des modernen Vaquero Horsemanship. Hier geht es nicht um Kontrolle und Vorherrschaft, hier geht es mir darum, Pferde zu Verbündeten zu machen, mit mir als Erstem unter Gleichen. Das heißt, dass ich sehr wohl die grobe Richtung vorgebe, aber die Ausführung des Gewünschten weitestgehend dem Pferd überlasse. Besonders bei Ausritten in anspruchsvollem Gelände ist das für beide Beteiligten von Vorteil. Es beugt Unfällen vor, wenn man sich auf die Bewegungskompetenz des Pferdes verlässt.

„Belohung macht ein angenehmes Ambiente, Lob bringt eine einzelne Aktion klar auf den Punkt“

Ich unterscheide zwischen Belohnung und Lob, um Klarheit und Präzision beim Umgang mit dem Pferd zu erreichen.

In vielen Richtungen des Horsemanship gibt es die Vorliebe, den “slightest try“, also den leisesten Versuch des Pferdes, der Anweisung des Trainers zu folgen, deutlich zu belobigen. Das halte ich für falsch, da somit das Pferd eher lernt, dass der leiseste Versuch genau das sei, was von ihm ultimativ verlangt wird. Lob setze ich ausschließlich dann ein, wenn das Pferd meinem Anliegen vollständig folgt, wenn die Übung, die Lektion also erfolgreich abgeschlossen und ein klares Ziel erreicht ist.

Der „leiseste Versuch“ wird bei mir dennoch nicht ignoriert, jedoch nicht mit Lob versehen, sondern mit Belohnung. Bei Übungen und Lektionen ist das sehr häufig das klug eingesetzte Nachlassen des Drucks, die Etablierung von Neutralität. Futter oder Leckerli setze ich prinzipiell nur indirekt ein (also nie aus der Hand). Deponiere einen Apfel an der Aufstieghilfe, den das Pferd dann rein „zufällig“ dort findet, und es wird dir künftig gerne dorthin folgen, auch wenn das mit dem Aufsteigen verbunden ist. Mit sowas kann man sehr kreativ sein, ohne das Pferd auf direktem Wege bestechen zu müssen.

Letztendlich jedoch bin ich selber eigentlich die Belohnung – der einfühlsame und rücksichtsvolle Pferdemensch.

„Beim Reiten bringt uns das Pferd ein Opfer, welches wir uns erst einmal verdienen müssen“

Jahrtausende war (und ist nach wie vor) das Pferd zunächst ein Nutztier. Da hilft es auch nichts, wenn es darüber hinaus vergöttert und mystisch erhöht wird, da ist dann schon sehr viel Heuchelei und Kitsch mit im Spiel.

Wenn ich die Kirche mal im Dorf lasse und die Dinge realistisch sehe, so ist für mich das Pferd ein Mitbewohner des Planeten, mit eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Pferde brauchen den Menschen nicht, und wenn dieser etwas von ihnen verlangt, so empfinde ich das nicht als selbstverständlich.

Dem Pferd auf Augenhöhe zu begegnen und gleichzeitig etwas von ihm zu fordern, ist offenbar eine durchaus knifflige Übung für uns, und viele scheitern daran, kehren zu den altbewährten, meist gewalttätigen Methoden zurück. Dagegen ist viel Wissen, Geschick, Intuition und Empathie vonnöten, um am Ende das Gefühl zu haben, dass wir uns die Gaben, die uns das Pferd schenkt, auch verdient haben.

„Wahre Gemeinsamkeit: Da ist kein Pferd, da ist kein Reiter“

Von Takuan Sōhō, einem japanischen Zenmeister der Schwertkampfkunst im 17. Jahrhundert, gibt es eine Anekdote, wo er einem seiner Freunde vorführt, wie er zu Pferde die Stufen eines hohen Tempels hinauf- und wieder hinabgaloppiert. Daraufhin befragt, wie er das mit solch großer Leichtigkeit vollführt habe, war des Zenmeisters Antwort lapidar und sinngemäß dahingehend, dass er nicht mehr an das Pferd gedacht habe und auch das Pferd ihn auf seinem Rücken nicht mehr wahrgenommen habe.

Dieser zunächst befremdliche und merkwürdige Zustand existiert tatsächlich, und ich habe ihn auch schon oft genug verspürt, insbesondere bei Ausritten im Wald. Pferd und Reiter „vergessen“ einander. Es ist wie Trance, deren man sich erst bewusst wird, wenn man daraus erwacht und das Schweben wieder der Schwerkraft weicht. Aber auch im Normalbetrieb ist die Aussage „Da ist kein Pferd, da ist kein Reiter“ eine gute Meditationshilfe, ein Koan. Der Mensch auf dem Pferd ist im Idealfall kein Mensch mehr, sondern wird ein Teil des Pferdes und sollte sich auch so verhalten.

Jürgen Grande / Minimal Horsemanship

Wir freuen uns, wenn Du den Beitrag mit Deinen Freunden teilst oder einen Kommentar hinterlässt...

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert