Der Hufmechanismus – das Goldene Kalb der Hufpflege
Jürgen Grande ist der Begründer von „Minimal Horsemanship“ und Autor diverser Artikel zu Pferdethemen. Für ihn steht immer das Wohlergehen des Pferdes im Vordergrund und daher war es für ihn schon immer wichtig, Dinge nicht nur einfach hinzunehmen, sondern auch kritisch zu hinterfragen. Letztes Jahr erschien sein Sachbuch „Der Pferd der hat 3 Beiner“, in dem Jürgen Grande ausführlich zu allen wichtigen Themen rund um den Umgang mit dem Pferd Stellung bezieht. Heute läßt er uns teilhaben an seinen Ansichten zum Thema Hufmechanismus beim Pferd:
Ausgangslage
Es existieren derzeit ungefähr ein halbes Dutzend klar unterscheidbare, miteinander konkurrierende Methoden der Barhufbearbeitung, die den jeweiligen Namen der Begründer oder eine entsprechende Markenbezeichnung tragen. Somit ist also nach wie vor nicht einheitlich geklärt, wie man mit Pferdehufen umgehen soll, um sie gesund und funktional zu machen und zu erhalten. Sollte es tatsächlich, wenn überhaupt, mal einen einzigen anerkannten Standard geben, dürften noch etliche Jahre vergehen.
In der Szene gönnt man sich nichts, der Konkurrenzkampf ist stellenweise ruppig. Manchmal hat das schon psychopathologische Züge und erinnert hie und da an religiösen Wahn. Ich finde, hier werden eine Menge unnötiger Fouls begangen. An diesen Schlammschlachten beteilige ich mich gar nicht. Gelernte Naturwissenschaftler interessieren sich für Argumente, die auf Fakten basieren. Spekulation und Propaganda haben hier nichts zu suchen. Wenn ich übrigens in der Folge Namen nenne, dann meine ich das nicht persönlich, es dient lediglich der konkreten Zuordnung zu einer Methode.

Wir finden immer wieder die gleichen Streitthemen. Um nur einige zu nennen: Wie invasiv darf gearbeitet werden? Welche Teile des Hufes dienen der Lastaufnahme? Gibt es die idealen Hufmaße, den idealen Huf? Und vieles mehr. Ich möchte hier einen Aspekt herausgreifen, der schon richtigen Kultstatus erlangt hat, nämlich den sogenannten Hufmechanismus.
Hufmechanismus in nuce
Die Kernaussage lautet: Durch Be- und Entlastung erfährt der Barhuf eine signifikante, periodische Formveränderung (Spreizung), die den Bluttransport maßgeblich unterstützt. Populär ausgedrückt handelt es sich hier um die These der „vier zusätzlichen Herzen“. Auf der Suche nach den prominentesten Protagonisten dieser Theorie stößt man unweigerlich auf Frau Hiltrud Straßer, die damit weltweit großen Einfluss genommen hat. Bei ihr findet man besagte Hufmechanismustheorie in klarster und reinster Form. Ich werde mich also nun auf die Aussagen Frau Straßers beziehen und sie auf deren Plausibilität prüfen.
Auf ihrer Homepage (hufgesundheit-strasser.com) ist eine Fülle an Material geboten. Meiner Auffassung nach ist ein Filmbeitrag am aufschlussreichsten, in dem Straßer anhand von 13 Punkten ihre Methodik darstellt sowie Gerüchte und Vorurteile ausräumen möchte. Durchsetzt ist das Video mit graphischen Darstellungen, die das Gesagte zusätzlich anschaulich machen sollen. Eine davon hat eine Schlüsselstellung. Es handelt sich um eine zeichentricktechnische Animation (Zeitmarke 7:53), die den Vollzug einer Spreizung bei Bewegung des Pferdes zeigen soll.
Die Animation zeigt einen Huf in medial-lateralem Querschnitt (allem Anschein nach an der weitesten Stelle des Tragrandes oder kaudal dahinter) bei Be- und Entlastung auf hartem, planem Untergrund. Die Formveränderung ist auffällig, geradezu exaltiert gestaltet. Bemerkenswert auch die deutliche Zunahme des vaskulären Volumens im Stratum internum (auf Deutsch etwas unpassend „Lederhaut“ genannt).
Wenn wir diese Animation und den mündlichen Beitrag im Video ernst nehmen, wenn es hier also keinerlei Zweifel oder Widersprüche gebe und somit die natürlichen Vorgänge korrekt (künstlerisch) dargestellt seien, tauchen sofort ein paar essentielle Fragen auf, die diese Nullhypothese ins Wanken bringen.
Zweifel #1
Exaltiertheit
Ich habe bei Betrachtung der Animation schlicht die Unterschiede in Höhe und Breite ausgemessen. Die Spreizung des inneren Tragrands beträgt hier plus 10,4 % im Vergleich zum Ausgangswert ohne Belastung. Die Stauchung (gemessen an der senkrechten Mittelachse) nach unten beträgt hier 35 % im Vergleich zur unbelasteten Ausgangshöhe. Das sind keine Kleinigkeiten. Allein der Augenschein in vivo spricht schon dagegen. Eine gut zehnprozentige Weitung des Tragrandes auf hartem, flachem Boden müsste man mit bloßem Auge ohne Mühe erkennen können, was sich mit meinen langjährigen Beobachtungen auch nicht annähernd deckt.
Zweifel #2
Flexibilität versus Elastizität
Pferdehufe sind keine Samtpfoten oder Klauen (wie beispielsweise bei den Kühen). Die gesunde Hufkapsel ist hart (wie ja auch Frau Straßer in ihrem Vortrag richtig erwähnt). Das heißt aber nicht, dass sie völlig unnachgiebig wäre. In der Tat lässt das Hornmaterial der Hufkapsel durchaus Deformierungen zu, die allerdings bei weitem nicht so spektakulär ausfallen, wie uns obige Animation vormacht. Wäre es war, was wir dort sehen, dann müsste die Hufkapsel (samt Sohle) einem enormen Belastungsstress ausgesetzt sein, dem sie kaum auf Dauer standhalten könnte. So etwas wäre eigentlich nur möglich, wenn das Hornmaterial elastische Eigenschaften hätte, was dann aber auch einer physiologisch nötigen Festigkeit widerspräche. In Wirklichkeit ist der Huf aber nur in gesundem Maße flexibel.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Flexibilität und Elastizität? Ich veranschauliche es am Beispiel des Schützenbogens. Sowohl Sehne als auch Bogenkörper sind flexibel, also biegsam, und durch das Spannen wird potentielle Energie erzeugt. Wäre die Sehne elastisch, könnte sie den Bogen kaum spannen, da sie in die Länge gezogen würde; wäre der Bogenkörper elastisch, bliebe er nach dem Spannen auf Dauer deformiert. Der Pferdehuf ist nicht elastisch, denn sonst würde er schon beim ersten Schritt wie ein Stück Pizzateig auseinander gehen. Er ist aber sehr wohl flexibel, allerdings nur in einem physiologisch sinnvollen Umfang, der eine allgemeine Funktionalität des Hufsystems gewährleistet.
Die Darstellung im Straßer’schen Video (sowie das ebenfalls oft bemühte „Eimermodell“) ist allein schon deswegen mehr als fragwürdig. Es gibt aber noch weitere Aspekte, die Zweifel aufkommen lassen.
The good hoof
Weltweite empirische Forschungen durch anerkannte Koryphäen der Hufszene lassen den Schluss zu, dass es so etwas wie den idealen Huf nicht gibt und somit Vorschriften über Größe, Winkel, Form etc. nur wenig Sinn ergeben. Der Huf in der besagten Animation im Straßervideo ist dagegen sehr wohl idealisiert, offenbar dem Wunschdenken entspringend. Auffallend sind hier der gänzlich flache Tragrand, die eher V-förmige Sohlenwölbung, der geringe Bodenkontakt des Strahls sowie die stark gekürzten Eckstreben. Der Huf fußt stempelförmig auf.
Auch wenn es keinen idealen Huf gibt, den man in Messwerten ausdrücken kann, so gibt es dennoch ein paar qualitative Grundprinzipien, die als Eigenschaften eines gesunden Hufs von weiten Teilen der Barhufszene anerkannt sind. Dazu gehört die Auffassung, dass sich (innerer) Tragrand, Sohle, Eckstreben und Strahl die Lastaufnahme teilen. Die drei letzteren Strukturen so zu kürzen, also zurückzuschneiden, dass sie buchstäblich ihrer Funktion enthoben sind, ist physiologisch ungünstig, besonders auf hartem, planem Untergrund.
Ein natürlicher Fußungsablauf ist zudem nicht stempelförmig (wie im Video), sondern beginnt im kaudalen Teil des Hufs und endet mit dem Abfußen beim Breakover. Damit sind wir auch schon beim nächsten Aspekt, nämlich dem vaskulären System sowie dem Abfangen der Stoßenergie.
Zweifel #3
Die Blutpumpe
„Und nun ist wichtig zu wissen, dass der Blutkreislauf hauptsächlich oder zu einem großen Prozentsatz durch die Pumpbewegung der Hufkapsel aufrecht erhalten wird.“ [Straßer; Zeitmarke 5:12; graphische Animation]
„Durchblutung des Hufes ist umso besser, je mehr, also je größer die Zahl der Hufkapselspreizungen sind, weil nur der Unterschied zwischen Hufkapselweite und Hufkapselenge führen zum Umtrieb des Blutes durch die Huflederhaut.“ [ebd.; Animation 14:21]
„Die Durchblutung der Huflederhaut hängt also von der Schrittmenge ab und auch noch von der Härte des Aufpralls. Also, je stärker der Aufprall ist, umso stärker spreizt sich die Hufkapsel, das heißt umso größer wird der Zwischenraum zwischen dem harten Knochen, der seine Form nicht verändert, und der harten Hufkapsel, und je größer der Zwischenraum ist, umso mehr Blut kann ein- und ausströmen.“ [ebd.]
Diese Originalzitate aus besagtem Straßervideo werden ebenfalls in der oben erwähnten Animation zu veranschaulichen versucht. Dort erkennt man, wie sich bei Belastung Stratum internum und Blutgefäße weiten sowie bei Entlastung schrumpfen. Dadurch soll die Pumpwirkung erfolgen. Da fallen mir sofort ein paar gewichtige Gegenargumente ein.
Der Raum zwischen dem Hufbein (P3) und der Hornkapsel, das Stratum internum („Lederhaut“), diese Anbindung zwischen Innen und Außen, ist keineswegs nur eine homogene Gallertmasse, die mit Adern durchsetzt ist, so wie in der Animation dargestellt, sondern eine hochkomplexe Struktur, deren Eigenschaften mit einem Klettverschluss vergleichbar sind. Das Stratum internum ist in gewissem Maße flexibel, aber nicht elastisch. Eine deutliche Raumvergrößerung zwischen P3 und der Hufkapsel gibt es sehr wohl, allerdings nur im pathologischen Fall der Hufrehe.
Blutzirkulation hat unter anderem die Aufgabe, Gewebe mit Nährstoffen zu versorgen und Abfallprodukte abzuführen. Diese vielfältigen biochemischen Prozesse brauchen allerdings auch ein wenig Zeit, die bei dem hypothetischen Pumpvorgang wohl zu kurz wäre, insbesondere bei den extrem kurzen Bodenkontaken bei Trab und Galopp. Das Blut darf also, um seine Stoffwechselfunktion zu erfüllen, nicht einfach so durchrauschen.
Zweifel #4
Bluttransport
Arterien und Venen sind gewissermaßen die Autobahnen in der Blutzirkulation. Das Wegenetz ist aber zusätzlich noch sehr fein verzweigt in Form von Arteriolen, Venolen und vor allem durch das Kapillarsystem.
Blut ist keine Newton’sche Flüssigkeit. Und selbst wenn es eine wäre, dann käme das Hagen-Poiseuille’sche Gesetz zur Wirkung, das besagt, dass der Fließwiderstand in Röhrensystemen bei abnehmendem Radius der Röhre proportional steigt. Anders ausgedrückt: Je dünner die Röhre, desto höher der Fließwiderstand und umso geringer die Fließgeschwindigkeit.
Blut ist jedoch in Wirklichkeit im Prinzip eine viskoelastische Suspension, deren Verhalten mit dem Fåhraeus-Lindqvist-Effekt beschrieben werden kann. In sehr engen Kapillaren kann es zur Hämostase (Blutstillstand) kommen. Diese Verengung erfolgt zum Beispiel temporär durch Stoßeinwirkung, während deren das Blut kurzzeitig die Eigenschaften eines elastischen Festkörpers annimmt.
Je größer dagegen der Durchmesser einer Kapillare, umso geringer die Viskosität des Blutes, da aufgrund von Scherkräften an der Gefäßwand das Plasma eine Art Gleitschicht bildet, an der die Blutkörperchen schneller vorbeifließen können; ausgerechnet hier hat der Blutfluss unerwarteterweise seinen geringsten Widerstand. Bei noch größeren Durchmessern, also im Bereich von Arteriolen, Venolen, Arterien und Venen nimmt die Viskosität, also die Reibung zwischen den strömenden Zellen, jedoch wieder zu.
Zurück zu der sattsam erwähnten Animation im Straßervideo. Dort sind im Querschnitt dickere Blutgefäße dargestellt, die sich bei Belastung (Spreizung) deutlich weiten, deren Durchmesser also zunimmt. Vorausgesetzt, diese Weitung der Blutgefäße entspräche der Realität, was soll uns das sagen Aufgrund des Fåhraeus-Lindqvist-Effekts müsste ja dabei die Viskosität des Blutes zunehmen. Wo bleibt da der angebliche Pumpeffekt?
Es gibt da noch eine weitere Ungereimtheit. Je stärker der Aufprall ist, umso stärker spreize sich die Hufkapsel, sagt Straßer. Jetzt findet, bei gleichbleibenden Bodenverhältnissen starker Aufprall hauptsächlich bei Trab und Galopp statt, wobei der Bodenkontakt der Hufe im Millisekundenbereich liegt. Wie um alles in der Welt sollte es in solch kurzer Zeit zu einer derart exaltierten Spreizung kommen, vor allem in dieser enormen Frequenz, ohne dass die Hufwand, die Sohle und die inneren Strukturen irreparable Schäden erlitten?
In Wirklichkeit erzeugt die Eigenschaft des Blutes im mikrovaskulären System bei Stoßeinwirkung kurzzeitig eine Art Gummimatteneffekt. Letzterer trägt, neben Strahl, Eckstreben und seitlichen Hufknorpeln, nicht unerheblich zum Abfangen der Stoßenergie bei Bodenkontakt bei, vorausgesetzt, die Fußung ist natürlich und physiologisch.
Zweifel #5
Hufbearbeitung
In der Barhufpflegeszene lassen sich zwei Hauptlager unterscheiden: die invasiven und die nicht-invasiven Methoden. Erstere greifen deutlich in die Hornsubstanz ein und modellieren den Huf, letztere versuchen durch feine Eingriffe den Huf dazu zu „überzeugen“, wie er sich von allein weiter entwickeln soll, sie moderieren also den Huf.
Straßer und solche, die bei ihr gelernt haben oder unter anderem Firmennamen diese Methode im wesentlichen fortführen, gehören zur ersten Gruppe. Wenn ich mir oben genannte Animation vor Augen führe, dann erkenne ich hier ein paar typische Merkmale: deutliche, eher invers-V-förmige Sohlenwölbung, stark gekürzte Eckstreben (auch bei Belastung kein Bodenkontakt), reduzierter Strahl. Alles in allem ergibt sich hier das Bild eines bereits nach Straßer’schen Prinzipien vormodellierten Hufs, der in dieser Form die Glaubwürdigkeit des dargestellten Hufmechanismusvorgangs plausibel stützen soll.
Mit Animationen lässt sich beliebig das eigene Wunschdenken realisieren und zum Beispiel beweisen, dass die Erde eine Scheibe ist. Von daher sieht hier alles sehr schematisch und künstlich aus, irgendwie unwirklich. Wie und wo bewegen sich denn Pferde hauptsächlich in der Natur? Treten sie die meiste Zeit in Planfußung auf harten Untergrund, so wie es hier dargestellt wird? Nein, im richtigen Leben laufen barhufige Pferde überwiegend entweder auf weichem Untergrund oder auf sandigen, erdigen Flächen, wobei die Sohle, wenn auch stark verschnitten und ausgedünnt, trotz allem Bodenkontakt hat. Schmutz jeder Art bleibt bekanntlich gerne an der Sohle kleben, womit eine Absenkung der Sohle und eine Weitung der Kapsel, also eine „Pumpbewegung“ von vornherein fast unmöglich wird.
„ … nur der Unterschied zwischen Hufkapselweite und Hufkapselenge führen zum Umtrieb des Blutes durch die Huflederhaut.“ – So lautet die Behauptung. Die logische Konsequenz daraus: Blut ströme nur dann in ausreichender Menge, wenn das Pferd sich ausschließlich auf unnachgiebigem Untergrund bewegt und zwar möglichst schnell, denn „je stärker der Aufprall ist, umso stärker spreizt sich die Hufkapsel“, so heißt es.
Und übrigens: Wo bleibt eigentlich die Tätigkeit des Organs, das die Hauptarbeit beim Bluttransport leistet, nämlich die des Herzens? Wäre dessen Frequenz mit einer vermeintlichen (hohen) variablen Pumpfrequenz der Hufe überhaupt vereinbar, oder gäbe es Interferenzen? Keine Erwähnung findet auch ein Forschungsergebnis, dass im distalen Bereich des Pferdebeins die Venen aktiv sind, sie pulsieren dort (siehe Robert M. Bowker et al., The Horse’s Foot as a Neurosensory Organ).
Fazit
Nach allem, was ich bislang vorgebracht habe, müsste auch ein unvoreingenommener Laie den Eindruck gewinnen, dass der Hufmechanismus, zumindest so wie er hier dargestellt ist, nur wenig mit der Realität zu tun hat.
Wenn ich die Plausibilität der Beiträge auf hufgesundheit-strasser.com auf einer Skala von eins bis zehn (eins = unhaltbar, zehn = absolut nachvollziehbar) einordne, dann komme ich persönlich auf einen Wert von zwei.
Die Straßer-Methode hat(te) großen Einfluss auf die Barhufszene. Auch wenn sich immer mehr davon lösen oder angeblich lossagen, so ist das oft nur organisatorisch und ökonomisch der Fall, aber nicht oder kaum inhaltlich, die Vorgehensweise bleibt im Kern erhalten. Ob das den Pferden gut tut, müssen deren Besitzer beurteilen.

Alternative Ergebnisse
Ich bin mit meinen Ansichten selbstverständlich nicht allein. Wissenschaftliche Beiträge als Diskussionsgrundlage lassen sich im Internet ohne große Mühe finden, jedoch ist das Zusammentragen und die inhaltliche Sichtung und Bewertung zeitaufwendig. Einer KI würde ich das nicht überlassen, denn die ist ja mit allem möglichen gefüttert worden und redet dann ganz gerne auch mal Blödsinn.
Es gibt zum Glück einen sehr guten Beitrag von Konstanze Rasch, der Vorsitzenden der DHG (Deutsche Huforthopädische Gesellschaft): „Der Hufmechanismus – Die Quintessenz der Biomechanik des Pferdehufs?“ (2015)
Dort erfährt man zunächst den geschichtlichen Verlauf empirischer und wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema. Auch wenn der Schwerpunkt auf der Bedeutung für korrekten Hufbeschlag liegt, ist die Gesamtschau durchaus aufschlussreich hinsichtlich der Barhufe.
In dem Artikel erkennen wir die enorme Widersprüchlichkeit der Ergebnisse, wie sie nach Beginn der modernen Ungulologie im 18. Jahrhundert erzielt wurden. Rasch präsentiert hier eine reichhaltige übersichtliche Tabelle (Zeitraum 1849 – 1985).
Das gesamte Material zeigt: Der Hufmechanismus existiert sehr wohl, allerdings nicht einheitlich und nur selten in Form und Umfang, wie ihn Teile der Hufschmiede oder Barhufpfleger propagieren, und außerdem hat er, wenn überhaupt, andere Funktionen als jene, die ihm gerne zugesprochen werden.
Eine Erkenntnis schält sich heute immer mehr als gültig heraus:
„Einen Huf jedoch so zu bearbeiten, dass die Sohle beweglicher wird, macht ihn um einiges empfindlicher und es schwächt den Fuß des Pferdes, statt ihn zu stärken. Gleiches gilt für die Bearbeitung der Trachten- und hinteren Seitenwände. Sie mit dem Vorsatz einer möglichst großen Erweiterungsfähigkeit zu verkürzen oder instabil zu gestalten, heißt, die Hornkapsel in ihrer Schutz- und Tragefunktion zu schwächen und den Fuß des Pferdes damit zu schädigen.“ (Rasch 2015)
„Im Zeichen der Förderung des Hufmechanismus werden Hufe korrigiert und umgestaltet. Man sollte jedoch m. E. dringend damit aufhören, die Hufe von Pferden umgestalten und in ideale Formen schneiden zu wollen! Besser wäre es zum Wohle der Huf- und Pferdegesundheit zu akzeptieren, dass es verschiedene (Lebens)Formen und Facetten des Pferdehufes gibt. Je nach vorherrschenden, konkreten Bedingungen – den Bedingungen, die das Pferd mitbringt und den Bedingungen, in welchen es lebt – sind die Momente der Beweglichkeit innerhalb der Hornkapsel verteilt und die Hufbewegungen gestalten sich aus diesem Grunde unterschiedlich.
Die Begriffe Hufmechanik und Hufmechanismus erfassen in ihrer heute gültigen Definition nur einen Ausschnitt der Realität. Die Hufe der einzelnen Pferde zeigen die im Hufmechanismus herausgestellten Bewegungen – heute namentlich die Erweiterung im Bereich der Trachtenwände, die Absenkung von Sohle und Strahl im hinteren Hufbereich und die Verengerung der Zehenwand im oberen Drittel – nur als ein Moment neben vielfältigen anderen Bewegungen, welche für die Ausbildung der Hufform und für die Gesundheit der Hufe tatsächlich nicht weniger entscheidend sind.
Und es gibt durchaus Hufe, die kaum oder gar keinen Hufmechanismus im oben beschriebenen Sinne aufweisen. Dennoch sind letztere keineswegs statisch und starr. Jeder Huf bewegt sich und verändert seine Form im Augenblick der Belastung durch das Pferdegewicht; er tut dies aber nicht in ewig gleicher (mechanistischer), sondern vielmehr in sehr individueller Art und Weise.“ (Rasch 2015)
Da schließe ich mich gerne an.
Jürgen Grande
Kontakt: MinimalHorsemanship@email.de
# Den gesamten Beitrag findest Du hier auch als PDF zum Download
