Das FARM-Prinzip

Mit Freude, Achtsamkeit und gegenseitigem Respekt zu einem harmonischen Miteinander von Mensch und Pferd

Ein Pferd ist ein Freund – und kein Sportgerät! So sollte es eigentlich sein. Schaut man sich aber in der Pferdewelt um, dann kommen einem angesichts unschöner Bilder auf so manchen Reitsportveranstaltungen doch Zweifel. Daher ist es umso schöner zu sehen, dass sich zunehmend mehr Menschen Gedanken über den partnerschaftlichen Umgang mit ihrem Pferd und die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten, die sich daraus für Tier und Mensch ergeben, machen.

Für Nicole Runkel, Sozialpädagogin, Trainerin C (FN), Centered Riding®-Lehrerin und Autorin steht außer Frage, wie der Umgang mit Pferden aussehen sollte: „Pferdeliebe bedeutet, sich seiner Verantwortung für diese wundervollen Lebewesen bewusst zu sein. Und zwar immer. Bis zum Schluss.“ In ihrem neuen Buch Das FARM-Prinzip – Mit Freude, Achtsamkeit und gegenseitigem Respekt zu einem harmonischen Miteinander von Mensch und Pferd gibt sie uns einen umfangreichen Einblick, wie der artgerechte Umgang mit Pferden aussehen kann. Über die Hintergründe zu ihrem Buch hat Nicole uns auch einige Zeilen geschrieben, die wir dir nicht vorenthalten wollen:

Wer kennt sie nicht, die einleitenden Worte aus den Asterix-und-Obelix-Heften? „Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“

Die Kinder- und Jugendfarm in Bremen Habenhausen ist ein wenig wie dieses kleine, gallische Dorf, das sich nicht einnehmen lässt. Als ich mich im Sommer 2006 zum ersten Mal auf den Weg dorthin gemacht habe, dachte ich zunächst, ich hätte mich verfahren. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich in dem Wohnviertel, in dem ich mich befand, direkt am Autobahnzubringer und neben einem großen Einkaufspark ein Ort befinden sollte, der Pferde und andere Tiere beherbergt. Doch als ich den kleinen Stichweg zwischen den Reihenhäusern passiert hatte, traute ich meinen Augen nicht: Da lag sie tatsächlich vor mir, die kleine, grüne Oase mitten in der Stadt.

Abgeschirmt von mehreren Baumreihen und dichten Hecken zeigte sich die kleine Farm mit ihren verspielten, runden Hauptgebäuden und Ställen aus Fachwerk und Holz vollkommen unbeeindruckt vom städtischen Treiben außen herum. Dieser Ort hatte seine ganz eigene Atmosphäre, die mich alles andere vergessen ließ. Eine wilde Mischung aus fröhlichen Kinderstimmen, gackernden Hühnern und blökenden Schafen schlug mir entgegen und zauberte mir augenblicklich ein Lächeln auf das Gesicht. Dann sah ich die Pferde, Ponys und Esel auf den Weiden neben dem Farmgelände! Es war um mich geschehen. An diesem Tag sollte ich mein Vorstellungsgespräch für die Stelle der Pädagogin im Pferdebereich haben. So begann vor ziemlich genau 20 Jahren meine intensive Beziehung zu diesem ganz besonderen Ort, an dem letztlich das FARM-Prinzip entstanden ist.

Foto: Nicole Runkel

Es gibt viele Jugendfarmen und andere Einrichtungen in ganz Deutschland, die Mitglied im Bund deutscher Jugendfarmen und Aktivspielplätze sind. Manche Farmen haben Pferde, manche nicht. Doch sie alle haben gemeinsam, dass es sich um pädagogische Einrichtungen handelt. Dies bedeutet, es werden andere Werte und Inhalte vermittelt als in einer herkömmlichen Reitschule. Es geht immer darum, jungen Menschen den Zugang zur Natur und zu Tieren zu ermöglichen. Des Weiteren unterstützen wir sie bei der Entwicklung ihrer persönlichen Stärken und sozialen Kompetenzen. Die Tiere helfen uns dabei. Das Reiten steht nicht an erster Stelle, sondern der freundschaftliche Umgang mit dem Partner Pferd und die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich daraus für ein Kind ergeben.

Im Pferdebereich auf der Farm tummelten sich zu Hochzeiten 12 Pferde und Ponys mit 2 Eseln in einer großzügig angelegten Offenstallanlage mit einem Paddock und einer offenen Halle, die als überdachter Schlafplatz und Bewegungshalle gleichermaßen diente. Später kam noch ein Trail durch den Farmwald hinzu. Darüber hinaus war ganzjähriger Weidegang selbstverständlich. Ebenso wie die Möglichkeit, rund um die Uhr an überdachten Fressplätzen aus Heunetzen zu naschen. Diese Form der artgerechten Haltung bot den Tieren die Möglichkeit, jederzeit ihre natürlichen Bedürfnisse nach Bewegung, Frischluft, sozialen Kontakten und Raufutter zu befriedigen – und nur ein zufriedenes Pferd kann ein ausgeglichener und zuverlässiger Partner sein. Die Herde war bunt gemischt, es ging quer durch alle Rassen und Altersgruppen. Die unterschiedlichsten Charaktere lebten hier friedlich zusammen – ein großartiges Lehrbild!

Jedes Tier wurde seinen individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten entsprechend eingesetzt. Es gehörte außerdem zu unserem Konzept, dass die Pferde auf der Farm in Würde alt werden durften und bis zum Schluss liebevolle Pflege und Zuwendung erhielten. Auf diese Weise erschlossen sich den Kindern Werte wie Mitgefühl, Achtung, Toleranz, Respekt und soziale Verantwortung von ganz allein. Das selbsterwählte Motto der Ponykinder lautete: „Ein Pferd ist ein Freund – und kein Sportgerät!“ Um allen Kindern die gleichen Chancen einzuräumen, war die Teilnahme an den Ponygruppen quasi kostenlos. Die jeweiligen Familien mussten lediglich aus versicherungstechnischen Gründen Mitglied im Verein werden. Es waren jedoch Geduld und Ausdauer gefragt! Um einen Platz in den heißbegehrten Gruppen zu ergattern, musste man sich aktiv am Farmgeschehen beteiligen und zum Beispiel bei der Versorgung der Tiere oder den Stallarbeiten mithelfen.

Foto: Nicole Runkel

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich in der Vergangenheit schreibe. Das hat einen sehr traurigen Grund: Unser Pferdebereich gehört seit Juli 2026 nach über 40 Jahren tatsächlich der Vergangenheit an. Grund dafür sind die radikalen Personal- und Budgetkürzungen durch die Stadt. Schon vor einigen Jahren, als sich diese Entwicklung abzeichnete, haben wir uns aus Verantwortung den Pferden gegenüber entschieden, keine neuen Tiere mehr aufzunehmen, wenn ein Herdenmitglied gestorben ist. Die Haltung von Tieren – insbesondere die von Pferden – ist sehr kosten- und personalintensiv. Sie erfordert Planungssicherheit und eine verlässliche Finanzierung. Diese Voraussetzungen waren plötzlich nicht mehr gegeben.

Seit diesem Jahr ist nun endgültig klar, dass wir zu den zahlreichen Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit gehören, die komplett aus der institutionellen Förderung herausfallen. Nachdem 3 Farmpferde alters- und krankheitsbedingt kurz nacheinander über die Regenbogenbrücke gegangen sind, haben wir uns deswegen schweren Herzens entschlossen, den Pferdebereich vorerst zu schließen. Um für die letzten 3 Bewohner wieder einen einigermaßen funktionierenden Herdenverband herzustellen, hätten wir mindestens eine Stute und einen Wallach anschaffen müssen. Aber das wäre angesichts der ungesicherten Zukunft einfach unverantwortlich gewesen.

Doch für die „letzten 3“ hat es ein Happy End gegeben: Die beiden Wallache konnten zusammenbleiben und sind bei mir eingezogen. Die Stute hat endlich wieder Stutenfreundinnen in ihrem neuen Zuhause und einen Herzensmenschen, der sie liebevoll umsorgt. Für die Kinder und Jugendlichen ist die Schließung des Pferdebereichs natürlich ein unbeschreiblicher Verlust. Aber wer weiß? Vielleicht ist die Haltung von Pferden ja irgendwann wieder möglich.

Die Geburtsstunde des FARM-Prinzips ist im Spätsommer 2015. Zu dieser Zeit beherbergte der Pferdebereich um die 40 Stammkinder! Immer wieder berichteten mir einige von ihnen, dass sie Diskussionen mit Freundinnen oder Schulkameraden führen mussten, die in eine Reitschule gingen. Die Farmpferde seien ja gar keine „richtigen Reitpferde“, hieß es in diesen Gesprächen. Was von der Wertigkeit her so viel bedeutete wie: „keine richtigen Pferde“. Nach einer besonders lebhaften Unterhaltung mit einem Ponymädchen, das derartige Diskussionen regelmäßig mit einer Freundin führen musste, dachte ich, dass es vielleicht hilfreich sein könnte, die Essenz und das Besondere unseres Konzepts einmal schriftlich zusammenzufassen. Dabei fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Die Werte, die unser Handeln ausmachen, ergaben mit ihren Anfangsbuchstaben tatsächlich das Wort „Farm“: Freude, Achtsamkeit, Respekt und Miteinander. Unser Name war also buchstäblich Programm!

Was dann geschah, berührt mich heute noch zutiefst, wenn ich zurückblicke. In den Herbstferien 2015 habe ich den Kindern und Jugendlichen meine Idee vorgestellt und anschließend haben wir gemeinsam überlegt, welche Inhalte unbedingt in unserem Konzept verankert werden müssen. Obwohl sie Ferien haben, sind die Kids mit Feuereifer dabei. Sie recherchieren gemeinsam im Internet oder wälzen Bücher und halten Referate zu den Themen gebissloses Reiten, ohne Sattel oder nur mit Pad reiten, Bodenarbeit, Kräuterkunde, artgerechte Haltung und Fütterung… Und das alles freiwillig! Sie sind voller Stolz und Freude darüber, dass das, was sie auf der Farm mit ihren vierbeinigen Kameraden unternehmen und lernen, nun endlich eine Gestalt bekommen sollte, die sich sehen lassen kann. Wenn sich etwas einfach nicht zuordnen lässt, weil es einzigartig ist, dann braucht es eben einen eigenen Namen.

In den kommenden Jahren gab es einige Lehrgänge mit einer intensiven Vorbereitungswoche und anschließender Prüfung im FARM-Prinzip. Hatte man diese erfolgreich bestanden, durfte man beispielsweise Pflegerin werden oder allein mit einem Pony spazieren gehen. Etwaige Diskussionen mit anderen wurden fortan abgewendet mit den einfachen Worten: „Ihr lernt ja bei euch bloß das Reiten – wir lernen hier auch noch alles andere.“

Foto: Markus Meyer

Mein persönliches Highlight war der internationale Workshop, der 2018 auf unserer Farm stattgefunden hat. Hier bekam ich die Gelegenheit, das FARM-Prinzip Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa und sogar aus Australien vorzustellen! Das Ganze auf Englisch – ich bin noch nie in meinem Leben so aufgeregt gewesen. Doch die Veranstaltung war ein voller Erfolg und schon damals wurde der Wunsch an mich herangetragen, doch einmal alles zu Papier zu bringen.

Das sollte aber noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit ist das Konzept weiter gereift und hat sich inhaltlich stetig weiterentwickelt. Und nun ist es endlich so weit: Mein Buch ist fertig und seit Mai überall im Handel erhältlich! Darüber bin ich sehr glücklich. Der Pferdebereich existiert nicht mehr – aber das FARM-Prinzip lebt in diesem Buch weiter. Und nicht nur das: Jetzt steht es allen Pferdemenschen zur Verfügung! Möge unser Motto „Mit Freude, Achtsamkeit und gegenseitigem Respekt zu einem harmonischen Miteinander von Mensch und Pferd“ nun auf diese Weise in vielen Ställen und Herzen Einzug halten.

Ich wünsche Euch und Euren Pferden alles Gute!

Nicole

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